ldealiste gehn als Kerbborsche uff die Piste (2004)

 

ldeaIiste gehn als Kerbborsche uff die Piste

250. Kirchweih: Weckruf der „Ehemaligen“ / Kuchenverkauf fürs Heimatmuseum / Jugendliche Nachfolger angekündigt

Von Barbara Schulze

 

ldealiste gehn als Kerbborsche uff die Piste foto

 

Dietzenbach *  Der letzte Oktobersonntag in Dietzenbach. Früh um neun ist es noch duster und diesig. Wer jetzt nicht raus muss, dreht sich nochmal im Bett um und freut sich auf ein paar zusatzliche Stunden Schlaf. Doch die Hoffnung trügt – zumindest in den Wohngebieten von Altstadt und Westend. „Aufstehen!“, tönt es aus zahlreichen krächzenden Männerkehlen durch die Straßen. Begleitend dazu lässt die Musikervereinigung ihre Instrumente erschallen. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren sind am Kirchweihsonntag die Kerbborsche wieder zum traditionellen Weckruf unterwegs. Mit angegrautem Haar und etwas füllig um die Taille sind die Männer in ihrer Uniform aus schwarzer Hose, weißem Hemd, Strohhut und roter Schärpe zwar nicht mehr so ganz borschehaft. Dafur haben sie aber den festen Vorsatz, die alte Dietzenbacher Tradition zum 250. Kirchweihfest wieder aufleben zu lassen. Etwa 25 Kerbborsche aus den Jahrgängen 1977 bis 1982 haben unter der Regie der letzten drei „Kerbpfarrer“ Reiner Wagner, Rainer Rill und Peter Maul im Jubiläumsjahr zusammengefunden, um zu zeigen, welchen Stellenwert die Kerbfeierlichkeiten im Ort einmal hatten. Gab es doch abseits von dem Rummel um die Fahrgeschäfte eine ausgefeilte Kultur an Festlichkeiten, die fast eine Woche andauerte. Auch in diesem Jahr haben die „Ehemaligen“ schon kräfftig zugelangt. Seit dem feuchtfröhlichen Antrinken am Freitagabend steht an der Kerbzentrale „Licher Pilsstube“ der Kerbbaum mit der Bobb (Puppe) namens „Hannebambel“ (wir berichteten). „Nun sinn hier e paar Idealiste, die gehn noch mal als Kerbborsche uff die Piste“, haben die Burschen im gesetzten Alter bei den Kerbreden verlautbaren lassen. Offen und ehrlich bekannten sie auch: „lhr seht, lhr liebe Leit, an uns da nagt auch schon der Zahn der Zeit!“ Das wird zumindest beim Weckruff-Umzug nicht spürbar. Voller Energie sausen die „Borsche“ durch die Straßen, brüllen ihre Kommandos, singen ihre Lieder und drücken auf die Hausklingeln, um den „Kerbkouche“  (Kerbkuchen) loszuwerden. Einem alten Brauch folgend, haben die „Borschenfamilien“ und zahlreiche Kerbanhänger plattenweise „Riwwelkouche“ (Streuselkuchen), „Käskouche“ und „Appelkouche“ gebacken, der nun an der  Haustür verkauft wird. Mindestens „Zwofuffzich“ muss rüberkommen, wenn mal wieder ein Stück über den Gartenzaun den Besitzer wechselt. Angesichts des bunten Treibens geben die aus dem Schlaf gerissenen Anwohner gerne mehr. Den Gesamterlös haben die Kerbborsche dem Heimatverein versprochen. Untersiutzt werden sie durch die Mitglieder des Vereins für Schutz- und Gebrauchshunde, die unentwegt vom Wingertsberg über Altstadt und Westend bis zur Kerbzentrale mitmarschieren. Seit Jahren schon engagieren sie sich für den Erhalt der Kerbtradition. Jetzt haben sie nicht nur Kuchen gebacken, sondern verstärken die Gruppe auch stimmlich. „Wem ist die Kerb? Uns!“ lautet der immer wiederkehrende Ruf. „Ihr macht ganz schön Krach heute Morgen“, stöhnt so mancher Anwohner. Nur selten aber treffen die Kerbtraditionalisten auf wirkliches Unverständnis „lch glaube, der versteht uns nicht“, mutmaßt Reiner Wagner, als ein streng blickender Herr im Schlafanzug auf den Balkon eilt. Doch auch das hochdeutsche Angebot „Wir bringen Ihnen frischen Streuselkuchen“, nutzt in diesem Fall nichts. Mit der Zeit steigt die Stimmung gewaltig. Viele große und kleine Dietzenbacher haben schon gewartet, die Wirte der anliegenden Kneipen stehen mit stärkenden Getränken parat, so manche Schnapsfasche wandert vom Fenster in die mitgeführten Bollerwagen. Beim Bäcker Krapp wird der Kuchenvorrat aufgefüllt, Metzger Mörtel steuert Fleischwurst für die Wandernden hinzu. Gegen Ende tauchen von überall her weitere ehemalige Kerbborsche auf. Walter Altmannsberger etwa, der von 1949 bis 1951 dabei war. „Ich finde es richtig gut, dass die Tradition endlich wieder aulebt“, freut er sich. Beim Abschluss an der „Licher Pilsstube“ stimmen alle kräftig in das Kerblied mit ein.  Danach ist Erholung angesagt. Zumindest bis morgen, wenn nach dem Umzug zur Christuskirche gegen halb zehn „Hannebambel“ an der Kerbzentrale verbrannt wird. Dann verabschieden sich die Kerbborsche mit einer Überraschung. Sie präsentieren eine Gruppe junger Männer, die im kommenden Jahr die Nachfolge antreten soll, Denn: „Zeit werds für neue Borsche!“, haben die alten bereits angekündigt.

 

Quelle: leider unbekannt