Parre Zottel (Uwe Schmedemann) hat sich 2011 gefragt, weshalb wir in Dietzenbach die Kerb so feiern, wie wir sie feiern. Wo kommt das Brauchtum her, wer hat es erfunden?. Niemand aus dem Verein hatte darauf konkrete Antworten. Es wurde so gefeiert, wie man es in den 70/80er-Jahren machte. Aber was war davor?
Um Antworten auf seine Fragen zu erhalten, hat ehemalige Kerbbborsche, Pfarrer und Zeitzeugen interviewt, die von der Nachkriegszeit und bis heute aktiv waren. Er hat in den Archiven der Stadt und des Kreises Offenbach recherchiert, Chroniken, Bücher, Aufzeichnungen von Dietzenbachern durchgeackert. Er musste feststellen, dass zu der Kerbborschentradition nicht viel niedergeschrieben wurde. Aber einiges hat er doch gefunden.
In dieser Serie „Parre Zottels Geschichtsstunde“ findet ihr die Beiträge, die er zu unseren schönen Kerb und den Brauchtümern zusammengetragen hat.
Wir danken den Autoren und Herausgebern für die Erlaubnis die Beiträge hier zu veröffentlichen zu dürfen und wünschen euch allen viel Spaß beim Schmökern.
Im Laufe der Jahre haben sich die Kerbborsche viele Rituale ausgedacht, alt hergebrachte fallen gelassen oder neu für sich entdeckt. In der heutigen Zeit gibt es Rituale, die von den Bürgern gerne gesehen werden und welche, die sich für das „Überleben“ der Kerbborschetradition als wichtig herauskristallisiert haben. Das Binden des Kerbkranzes Der Kerbkranz hieß früher Jungfernkranz und wurde von den Borsche für ihre Liebste gebunden und z.B. auf dem Rücken an einer Heugabel zum Haus ihrer Eltern getragen. Das war so etwas wie ein Heiratsantrag und das Einholen der Erlaubnis um ihre Hand anhalten zu dürfen. Zu einer späteren Zeit wurde der Kerbkranz von den Kerbwirten an ihren Wirtshäusern angebracht. Damit zeigten sie an, hier feiern wir die Kerb „Uns iss die Kerb“. Heutzutage hängt ein großer Kranz unterhalb der Krone des Kerbbaums und bildet das Dach für die Kerbbobb, kleinere Kränze zieren eure Kerbzentrale und die Gaststätte der Kerbeltern auf Lebenszeit. Der Kerbkranz wird wie früher von Männerhand aus Selleriekraut gewickelt und mit bunten Bändern behängt. Frauen dürfen dabei niemals Hand anlegen! Kerbbobb bauen Die Kerbbobb ist das Heiligtum eures Kerbborschejahrgangs und steht unter ihrem Schutz. Sie wird immer am Samstag – 2 Wochen vor der Kerb gebaut. Dies ist reines Männerritual! Nach der Fertigstellung wird die Kerbbobb im Dunkeln unter Verschluss gebracht, um sie vor fremden Einblicken zu schützen. Ihr Name wird bis zum Kerbantrinken geheim gehalten. Kerbbaum holen und stellen Seit ca. 1950 ist der Kerbbaum wieder das Wahrzeichen der Kerb in Dietzenbach. Mittags am Kerbfreitag fahren die Kerbborsche, Altkerborsche, erfahrenen Helfer und dem „1. Dietzenbacher Baumstellregiment“ in den Wald um eine möglichst gerade gewachsene Fichte zu fällen. Nach diesem körperlichen Akt wird das beliebte „Hängebauchschwein“ getrunken. Der Kerbbaum wird dann z.B. mit Traktor und Rolle und viel, viel Gesang durch die Stadt zum Aufstellplatz gebracht. Dort angekommen wird der Baum mit dem Kerbkranz geschmückt und die Kerbbobb findet ihren angemssenen Platz unterhalb des Kranzes. Der Baum wird zusammen mit allen Helfern mit Hilfe von Stangen, Leitern und Seilen aufgestellt. Traditionell gibt es nach der schweren Arbeit ein gepflegtes Bier und leckere Erbsesupp für alle Beteiligten. Kerbansprache Die Kerbansprache eröffnet die Kerbzeit. Hierzu versammeln sich die Kerbborsche in ihrer Tracht mit Fahne, Bembel und Gefolge vor der Kerbzentrale. Jeder erhält vom Kerbvadder einen gefüllten Henkelmann. Der Kerbparre hat seine Bibel und sein „Weihwerkzeug“ dabei, denn er wird jetzt die Kerbansprache halten. In dieser Ansprache werden traditionell lokale Ditzebäscher Begebenheiten auf die Schippe genommen. Nach der Rede wird die Kerbbobb getauft. Am Ende der Kerbansprache folgt ein festgelegtes Ritual. Der Parre nimmt ein Schnapsglas und steigt auf eine Leiter. Es folgt der Spruch: „Ich bin die Leider nuffgestiehe und steih es ach widder nunner. Doch wenn dies Glässchen nicht zerbricht, feihern wir unsere Kirchweih nicht“. Dann trinkt er das Gläschen aus und wirft es zu Boden. Anschließend steigt er wieder runter und ruft: „Im Osten geht die Sonne auf, im Westen geht sie unter. […] Dick is de Stempel a noi muss er doch“. Es folgt das Kerblied und ein „Wem is die Kerb?“ und die Borsche rufen lauthals „UNSER!“. Die Kerb ist nun offiziell eröffnet! Im Anschluss findet ein geselliges Beisammensein in der Kerbzentrale statt. Taufe der Kerbbobb Die namenlose Kerbbobb erhält während der Kerbansprache ihren angedachten Namen. Diese Taufe übernimmt der Kerbparre. Ab diesem Zeitpunkt wacht die Kerbbobb hoch über dem Kerbplatz über das Kerbtreiben. Einsegnung Mit der Einsegnung bringt der Kerbparre seinen Segen aus. Dies kann während der Kerb jederzeit stattfinden, meist jedoch nur während der offiziellen Ansprachen. Dazu benötigt er sein „Weihwerkzeug“. Ein mit Wasser gefüllter Eimer, und eine Kloberscht (Offiziell die aal Berscht vum Grottewirt. „Der Hutmacher behüte Euch Der Schirmmacher beschirme Euch Der Geschützmacher beschütze Euch Der Hund hebe das linke Bein und gebe die heilige Taufe“ Der Parre besprenkelt unter Aufsagung der alten Weisheiten die zu segnenden Personen. Frühstück einholen Angelehnt an eine schöne Sage läuft in Dietzenbach die Zischeunern am Kerbsamstagmorgen mit den Kerbborschen durch die Altstadt. Dort erbettelt sie das Frühstück für sich und „ihre Kinnern“ Kneiptour Die Dietzenbacher Kerb ist traditionell eine „Kneipenkerb“. Wahrscheinlich aufgrund des meist nasskalten Wetters im November haben unsere Ahnen diese Art des Feierns gewählt. In fast allen Wirtschaften des Ortes wurde die Kerb gefeiert und einige Wirte stellten ihre Kneipe den jungen Stammgästen als Kerbkneipe zur Verfügung. Es gab Kerbborsche von der Linde, von der Milchküsch, vom Löwen und so weiter. Diese Kerbborschegemeinschaften hegten doch eine gewisse Rivalität gegeneinander und besuchten sich gegenseitig in ihren Wirtshäusern. Es gab Wettsingen, Wetttrinken und wahrscheinlich einiges, was wir gar nicht wissen wollen. Heutzutage sind die Wirtshäuser rar geworden. Nichtsdestotrotz halten die Kerbborsche an diesem Ritual fest. Sie ziehen am späten Samstagnachmittag mit guter Laune, Bembel, Fahne und vielen Liedern von Kneipe zu Kneipe. Dort stecken sie mit ihrer Feierlaune die anderen Gäste an. Sängerfrühschoppen Am Montagmorgen treffen sich die Sänger der Dietzenbach Chöre zu ihrem Kerbfrühschoppen. Manchmal feiern sie alle gemeinsam, manchmal auch getrennt. Der Kerbverein hat dazu die Chöre in den letzten Jahren in die Kerbzentrale oder andere passende Räumlichkeiten eingeladen. Sie singen die alten Lieder, die sonst nirgendwo zu hören sind. Dazu gibt es leckere Mettbrötchen, Hering mit Quelldene und natürlich viele gute Sachen, um die Stimmen zu ölen. Es gibt kaum eine andere Zusammenkunft in Dietzenbach, wo sich alte und junge Menschen zum Singen, Essen und Trinken so nah kommen und gemeinsam ihren Spaß haben. Kerbschoppen im Gemeindehaus Am Kerbdienstag, dem letzten Kerbtag, veranstaltet die Christusgemeinde, also die Gemeinde unseres „Geburtstagskinds“, im Gemeindehaus ihren Kerbschoppen. Viele Menschen versammeln sich dort zum leckeren Hackbraten und erfrischenden Getränken. Kerbverbrennung mit Grabrede und Leichenschmaus Am Dienstagabend wird das offizielle Ende der Kerb zelebriert. Die Kerbborsche haben mittlerweile die Kerbbobb vom Kerbbaum geholt oder von Dieben ausgelöst. Der Kerbparre trägt die Grabrede vor. Dabei wird er die Geschehnisse der Kerb erzählen und segnet die neuen Kerbborsche ein. Nach der Grabrede wird die Kerbbobb mit den Fackeln entzündet. Die Kerbhüte werden abgenommen und eine tiefe Trauer überkommt alle anwesenden. Während die Kerbbobb in Rauch aufgeht, singen
Kerb ist in unserer Region der Ausdruck für Kirchweih (Kirwe, Kerwe, Kirb…). Kurz gesagt, wir feiern alljährlich den Geburtstag unserer Kirche, der Christuskirche in der Darmstädter Straße. Die Christuskirche wurde im 30jährigen Krieg schwer beschädigt, zwischen 1753 und 1754 um einiges größer wieder aufgebaut und am 27. Oktober 1754 eingeweiht. Die erste Erwähnung der Kirchweih lautet folgendermaßen: „Als die Kirche den 27t Okt. 1754 eingeweyhet worden, ist sowohl in dem Pfarr als in des Kirchen Ältesten Hanß Michel Knecht Hauß wegen der Frembten, an Victualien und Wein aufgegangen und an Zehrung gekostet 27 fl 34 Kr.“ [1] Federzeichnung von Hans Schmand Dieser 27. Oktober ist unser sogenannter Kerbleger. Um diesen Tag wurde die Kerb begangen. Irgendwann später wurde der Kerbleger auf den 28. Oktober verlegt. Dieser Tag ist der Gedenktag an die Apostel Simon und Judäa. Das war früher Gang und Gebe. So wurde dem Kirchgeburtstag noch mehr Glanz verliehen. Verkündung der evangelischen Christuskirche vom 28.1.2013: „Die Dietzenbacher Kerb wird alljährlich am Wochenende nach dem 28. Oktober begangen. Fällt der 28. Oktober auf einen Sonntag, wird die Kerb am Wochenende des 28. Oktober begangen.“ Unsere heutige Kerb geht von Freitag bis Dienstag um den sogenannten Kerbleger. Der Kerbleger ist der Kerbsonntag. [1] Dietzenbacher Kirchenbau anno 1753/1754 © Copyright 1979 bei Buch und Kunst, Helga Welcker-Petrenz, Dietzenbach Quelle: Das Handbuch für den Ditzebäscher Kerbborsch – Parre Zottel 2015
Uff de Kerb Von Jakob Heinrich Berz 1981 Das „Fest der Feste“ aber war alljährlich fürs ganze Dorf die Kerb. Sie wurde stets am Sonntag nach Simon Judäa, also am letzten Oktober – oder auch ersten Novembersonntag, zum Gedenken an die „Kirchweihe“ im Jahre 1754 gefeiert. Die Dietzenbacher Kerb ist eine der letzten im Kreis Offenbach, nur Dudenhofen folgt noch vierzehn Tage später. Das war immer ein sehr günstiger Termin, denn bis zu dieser Zeit war die Ernte unter Dach und Fach und man konnte die Kerb gleich als Erntedankfest mitfeiern. Bargeld, im Leben der Bauern und der kleinen Handwerker, die von diesen Bauern lebten, bekanntlich immer knapp, war nach der Ernte vorhanden. So war ein anständiges Kerbgeld, ein neuer Anzug zur Kerb, Stiefel, ein neues Kleid für die Kinder, die bei der Ernte ja tüchtig hatten mithelfen müssen, möglich. Die jungen Burschen und Mädchen, aber auch mancher schon Ältere, freuten sich vor allem auf das Tanzvergnügen. Tanzmusik gab es eigentlich nur am zweiten Weihnachtstag, an Pfingsten oder alle Schaltjahre mal auf einem Fest. So freute sich Jung und Alt schon wochenlang auf die Kerb und wochenlang wurden bereits Vorbereitungen getroffen. Mitte Oktober, wenn die Ernte eingebracht und Äpfel und Kartoffeln gut verkauft waren, begann in Dietzenbach das große Reinemachen. Das ganze Haus wurde vom Boden bis zum Keller auf den Kopf gestellt, die Handwerker hatten alle Hände voll zu tun, weil sogar Dächer erneuert oder das Haus frisch gestrichen wurde. Die Stube erhielt ein neues Wandmuster, auf dem Tisch wurde ein neues Wachstuch aufgelegt, zerbrochene Scheiben wurden eingezogen. Wo Töchter im Haus waren, kam die Schneiderin, um die Kerbkleider anzufertigen. In der Woche vor der Kerb schlug dann die große Stunde der Metzger und Bäcker. Am Montagnachmittag führte jeder Metzgermeister seinen Kerbochsen mit einem Kranz um den Hals geschmückt, begleitet von einer Kinderschar durch das Dorf. Am folgenden Tag schickte er einen Angehörigen in die Häuser und nahm Bestellungen für Suppenfleisch, Braten und Wurst auf, die dann am Samstag fein säuberlich mit einem Leinentuch zugedeckt ins Haus gebracht wurden. Die Hausfrauen kauften zwölf bis fünfzehn Pfund Mehl ein für die Kerbkuchen. Dann begannen für die Bäcker drei schwere Tage, sie mußten sich sogar aus der Nachbarschaft Hilfskräfte ausleihen. Donnerstagnacht waren dann die Milchhändler an der Reihe, die für jeden Kunden ein Stück Kerbkuchen mitbrachten. Die Freitagnacht wurde durchgebacken, den ganzen Samstag, oft bis in den Abend hinein. Berühmt war der Dietzenbacher Riwwelkuchen und vor allem der Käsekuchen, der noch ofenwarm gegessen wurde. Alle Kerbgäste kamen, erhielten ihren Kerbkuchen, und wer nicht da war, dem wurde er zugeschickt, so daß dazumal ein halber Waggon mit Kuchenpaketen aus dem Ort herausging. Am Mittwoch kamen die Karussellwagen angefahren, am Donnerstag wurden die Karussels am Eingang der Schäfergasse zwischen dem Gasthaus „Krone“ und der Metzgerei Altmannsberger aufgestellt. Und so wie die Kinder heute noch tagelang vor der Kerb am Harmonieplatz oder an der Offenthaler Straße mit gespannten und kritischen Blicken zuschauen, was sich da begibt, taten sie es auch dazumal. Schaubuden, Süßigkeiten- und Spielsachenbuden, kurzum alles, was zu einem richtigen Juxplatz gehört, reihten sich bis zur Bäckerei Krapp an. Neben der Schule standen die Schießbuden, „Haut den Lukas“ oder auch einmal ein „Panorama“. Schon lange aber vor allen diesen Vorbereitungen auf diesen Höhepunkt des Jahres hatten sich Mitte September die 16- bis 20jährigen Burschen im Hinterzimmer ihrer Stammwirtschaft zu einer „Kerbgesellschaft“ zusammengefunden. Man traf sich bis zur Kerb an jedem Sonntagabend, um die Kerblieder zu lernen, und legte eine Kasse an für die Anschaffung der bunten Kappen und um die Musik zu bezahlen. An den Kappen konnte man erkennen, ob es sich um Kerbburschen vom Milchhof, von der Krone, der Harmonie, der Linde oder vom Löwen handelte. Bei den Zusammenkünften, bei denen auch Mädchen zugegen waren, ging es natürlich lustig zu und allerlei Späße wurden getrieben. Acht Tage vor der Kerb wurde sie dann mit einem Faß Bier „angetrunken und der jeweilige Wirt stellte seinen Wein zum versuchen bereit. So kam endlich der Kerbsamstagabend herbei. An diesem Abend wurde von den Kerbburschen im Kerblokal der Kranz gewunden, kunstvoll aus Selleriekraut und gut einen Zentner schwer, am Ende wurde er mit so vielen bunten Bändern geschmückt, daß kaum noch das dunkle Selleriegrün zu sehen war. An drei festen bunten Stricken wurde er in der Mitte an einer Heugabel aufgehängt und um Mitternacht unter dem Singen des Liedes „Wir winden dir den Jungfernkranz“ in die Wohnung der vorher ausgewählten Kerbjungfrau getragen. Am Kerbsonntag herrschte lebhaftes Treiben auf allen Straßen und in den Wirtshäusern. Punkt drei Uhr erklangen Fanfaren, der Kerbzug mit einer Musikkapelle und den Kerbburschen an der Spitze setzte sich in Bewegung. Zwei Buben trugen einen Korb an einer Stange, geheimnisvoll mit einem weißen Tuch zugedeckt, neben ihnen zwei Kerbburschen mit Hacken und Spaten. Hinaus ging es vors Dorf auf einen Acker. Dort wurde gehackt und gegraben und frische braune Ackererde in den Korb geschippt, das weiße Tuch wieder über den Korb gedeckt und zurück ging es ins Dorf. Die Musik spielte, die Äbbelwoibembel kreisten und ab und zu wurde eine Pause eingelegt und ein tiefer Schluck aus dem Bembel genommen. Das wiederholte sich so oft bis man an seiner Gastwirtschaft angekommen war naturgemäß bereits in allerbester Stimmung. Hier stand eine eiserne Vorrichtung, um Kranz und Strauß anzubringen und eine Leiter, von deren oberster Sprosse aus der gewählte Sprecher der Kerbburschen seine Rede hielt. Es war eine satirische Rede in Versen über alles, was sich so im vergangenen Jahr im Ort getan hatte und manches schadenfrohe Gelächter klang auf. Nach jedem Vers ertönte es laut: „Kamerad schenk ein, es muß einmal getrunken sein“, wozu die Musik einen Tusch erklingen ließ. Dann ging es mit Musik in den Saal und hier begann der fröhliche Kerbtanz mit Walzern, Rheinländern, Schottisch 1) und auch den beliebten Gesellschaftstänzen. Ein älterer Musikant, der Zopper genannt, erhob das Tanzgeld, gab die bunten Tanzbändchen aus und sorgte für die Tanzordnung. Billig war die Kerb übrigens nicht, es wurde nur Flaschenwein ausgegeben und die älteren Herrschaften, die keiner Kerbgesellschaft mehr angehörten
Die Kerb in Dietzenbach von Hedi Weilmünster Die Dietzenbacher „Frohsinn“ Kerbburschen 1925 vom „neuen Löwen“. Als Bembelträger der Sohn des Löwenwirtes Heinrich Heberer (Fotoarchive Weilmünster) Im alten Dietzenbach waren die Festlichkeiten, die das tägliche Einerlei des arbeitsreichen Jahreslaufes unterbrachen, äußerst gering. Nur die „Kerb”, die im Dorf sozusagen als „höchster Feiertag” galt, wurde und wird heute noch nach alter Sitte und den damit verbundenen Bräuchen von den Einwohnern drei Tage lang gefeiert. Mit dem Bau der Kirche wurde im Jahr 1753 in der Amtszeit von Pfarrer Preibisius begonnen. Die Einweihung der Kirche, also die Kirchweihe, fand unter großer Beteiligung der Dorfbewohner am 27. Oktober 1754 statt. Aus diesem Anlaß wird die Kirchweih, im Volksmund die „Kerb”‚ am letzten Wochenende im Oktober oder am ersten im November gefeiert. Und wenn diese Kerbtage nahten, war das ganze Dorf in Aufruhr. Wochenlang vorher gings schon los mit dem „Kerbputz”. Das ganze Haus wurde auf den Kopf gestellt, denn viel Verwandtschaft hatte sich meistens zum Besuch angemeldet. Viel Arbeit mit dem Anfertigen der neuen „Kerbkleider” hatten die einheimischen Schneiderinnen. Und selbstverständlich mußte zur „Kerb” bei den Frauen auch „de Kopp en de Reih’ seu”. Die Friseurgeschäfte hatten in der Kerbwoche Hochbetrieb, denn meistens gabs neue Dauerwellen. Aber auch beim Bäcker und beim Metzger gings „rund”. Montags schon führten die Metzger unter großer Beteiligung der Dorfbewohner, hauptsächlich der Kinder, ihren zum Schlachten bestimmten „Kerbochs”, der mit einem Kranz geschmückt war, durch die Straßen. Die Leute mußten rechtzeitig ihre großen Bestellungen abgeben, die Ware wurde oft auch ins Haus gebracht. Schwerstarbeit mußten auch die Bäcker leisten, denn viele Bleche voll „Kerbkouche” mußten gebacken werden. Als Dietzenbach nur 3000 Einwohner hatte, gab es immerhin etwa sieben Bäckereien und alle hatten ihre Stammkunden. Also, es wurde zur Kerb freitagnachts „durchgebacken” und samstags fast noch den ganzen Tag. Vom Kerbkuchen wurde auch viel an die eingeladenen Kerbgäste verschenkt. Am beliebtesten waren „Quetsche-‚ Riwwel- und Käskouche”. Es wurde berichtet, daß einst ein scheinbar hungriger Gaul einen im Hof einer Bäckerei abgestellten großen „Riwwelkouche” voll und ganz gefressen, danach freudig gewiehert habe und zufrieden in den Stall getrabt sei. Der „Kerbplatz” befand sich früher mitten im Ort an der Alten Schule, später dann am Harmonieplatz. Es gab höchstens ein Kinderkarussell, eine Schießbude und einen Zuckerstand. Später war die Schiffschaukel sehr beliebt. Kerbgruppe der „Milchhöfer”‚ benannt nach dem gleichnamigen „Milchhof” in Dietzenbach. Später hieß der Verein „Turngesellschaft”. Der Wagen wurde Anfang der 30er Jahre gefahren von Hch. Gaubatz. (Fotoarchiv H. Balzer‚ Dietzenbach) Groß herausgeputzt hatten sich die vielen Gasthäuser. Das Dorf hatte „Annodazumal” sogar sieben Säle, in denen der „Kerbtanz” stattfand. Die Hauptsache bei der ganzen Kerb waren aber die „Kerbborsche” (Kerbburschen). Wochen vor dem großen Ereignis trafen sich junge Burschen und probten die Kerblieder. Mit einem Faß Bier wurde eine Woche vorher die Kerb in den jeweiligen Gasthäusern „angetrunken”. Den „Kerbkranz”, der vor den Vereinslokalen aufgehängt wurde, mußten die Kerbburschen selber wickeln und zwar mit Sellerieblättern und bunten Bändern. So ein Kranz war manchmal fast ein Zentner schwer. Auch ein ausgestopfter „Kerbborsch” wurde hie und da aufgehängt. Sonntagmittags zogen die Kerbburschen mit Musik zum Kerbplatz. Eine „geheimnisvolle Maan” (Korb), gefüllt mit frischer Ackererde wurde von zwei Buben getragen. Sie war mit einem weißen Tuch zugedeckt und hatte eine bestimmte Bewandtnis. Von Wirtschaft zu Wirtschaft wurde gezogen, die „Äbbelweu-Bembel” machten die Runde. Dann kam der große Moment der „Kerbredd” (Kerbrede). Auf einer großen Leiter hielt der dazu bestimmte Kerbborsch eine Ansprache in Reimen und zwar über amüsante Begebenheiten, die sich so in einem Jahr im Dorf ereignet hatten. Oft gab es auch darüber Ärger, wenn er jemand allzu sehr „auf die Schipp” genommen hatte (gehänselt hatte). Kerbburschen um 1911 in Dietzenbach im Hof des „Löwen”. Kerbkranz aus Sellerieblättern geflochten, mit Bändern und Papierrosen verziert. (Fotoarchiv EIis. Lehr, Dietzenbach) Nun begaben sich Musikanten, Kerbburschen und die versammelten Dorfbewohner in die Gasthäuser und Tanzsäle. Nur wer gekaufte Tanzbändchen angesteckt hatte, durfte tanzen. Getanzt wurden anno dazumal am liebsten Walzer, Rheinländer und Schnicker. So wurde auch noch ab montagnachmittag oft bis in den Dienstag hinein das Tanzbein geschwungen. Das traditionelle Essen in den Lokalen war Rippchen und Sauerkraut und Handkäs mit „Musik”. Kerbmontag in der Früh’ zogen die Kerbborsche dorch die Strooße sie sangen mit rauhem Hals un hawwe gebloose und sammelten Geld in de Häuser und bei de Geschäftsleut unn hunn sich dann uff de Frühschobbe gefreut dienstagabends iss werre alles uff de Kerbplatz gerennt denn dort hott mer jetzt en Kerbborsch verbrennt das hieß: die „Kerb” wurde begraben nach altem Brauch und beerdigt wurde der Kerbborsch dann auch Nach dieser Zeremonie, die „en Parre” (ein als Pfarrer verkleideter Kerbbursche) mit einer „Grabredd” abschloß, gings wieder in die Lokale zurück. Bei „Quelldene” (Pellkartoffel) mit Hering und viel Apfelwein klang in lustiger Gesellschaft die „Dietzebächer Kerb” aus. Quelle: “Landschaft Dreieich“ 1989
Kirchweihbrauchtum in der Dreieich im Spiegel von drei Jahrhunderten von Gerd J. Grein Das Kirchweihbrauchtum des Odenwaldes ist in der älteren heimat- und volkskundlichen Literatur mehrfach behandelt worden[1]. Neuerdings hat Heinz Schmitt die dörfliche „Kerwe” aus einem Teilgebiet des Odenwaldes, der Gegend um Weinheim, in ihrer heutigen Form mit allen Brauchhandlungen geschildert[2]. In der Folge soll nun eine Abhandlung des Kirchweihbrauchtums aus der Dreieich, einer vielfach als brauchleer bezeichneten Landschaft südlich Frankfurts, im nördlichen Odenwaldvorland, gegeben werden. Aufgrund zahlreicher archivalischer, literarischer und ikonographischer Zeugnisse sind wir in der Lage, Beharrung und Wandlung eines ehemals kirchlichen Festes aus der vorreformatorischen Zeit, mit all dem Gepränge an Brauchhandlungen, bis in unsere Tage aufzuzeigen. Allerdings werden wir uns nur mit einem überschaubaren Zeitraum vom 16. bis 19. Jahrhundert befassen. Die Landschaft Dreieich wurde ab dem Jahre 1528 reformiert und in der Folge haben sich die lutherischen Pfarrer mehr oder minder eifrig gegen die wirklichen oder vermeintlichen Auswüchse des Festes gewandt. Sie haben mit ihren Eingaben an die vorgesetzten Kirchenbehörden und andere Stellen der Obrigkeit ungewollt wichtige und reizvolle Quellen für die Volks- und Kulturforschung geliefert. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts setzt dann eine systematische Darstellung der Brauchelemente durch die Autoren der Landes- und Ortsbeschreibungen ein[3]. Schließlich — und das ist die Besonderheit in unserem Untersuchungsgebiet – haben ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einige lokale Maler und Künstler, die zu den Großen ihrer Epoche zählten, die ländlichen Kirchweihfeiern zum Gegenstand ihrer Bildinhalte gewählt. Eine ungewöhnlich große Zahl von „Kirchweihbildern” ist in den öffentlichen Kunstsammlungen der Umgebung zu besichtigen und der Betrachter wird dies mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen. Vor diesem Hintergrund wollen wir gerade diese bildlichen Zeugnisse in den Vordergrund unserer Betrachtung rücken. Kirchweih – Kirb – Kerb Nach dem Grimmschen Wörterbuch und der großen Brockhaus-Enzyklopädie bedeutet „Kirchweih” ursprünglich die feierliche Übergabe gottesdienstlicher Räume. In der lateinischen Liturgie wurden solche Kirchweihen seit dem Mailänder Edikt von 313 durch die erstmalige Feier der Eucharistie durch den Bischof vorgenommen – zunächst jedoch ohne besondere Riten. Ab dem 9. Jahrhundert traten zu den einfachen Weihehandlungen vielschichtige Riten, die im 13. Jahrhundert ihre reichste Ausgestaltung erfuhren (Altarwaschung und Salbung, Beisetzung von Reliquien etc.), 1596 im Pontificale Romanum festgeschrieben und erst von Johannes XXXIII. wieder vereinfacht wurden. Die evangelische Kirche kennt als Kirchweihe nur die feierliche Übernahme des gottesdienstlichen Raumes durch die Gemeinde, da die Reformatoren die katholischen Riten verwarfen und nach 1. Tim. 4,5 die Kirche als Aussonderungen des Gebäudes zum kirchlichen Gebrauch verstanden haben wollten. Seit dem 9. Jahrhundert wurde der Jahrestag der Kirchweihe zum weltlichen Fest, welches Märkte, Schausteller und ein reiches Brauchtum mit sich brachte. Das Kirchweihfest wandelte sich: „Die Verweltlichung des Festes ist alt[4]. Das Kirchweihfest, welches im niederdeutschen und niederländischen Sprachbereich „Kirmes”, im fränkischen „Kirb”‚ „Kirwe”, im schweizerischen „Kilbe” und im bayerischen-österreichischen „Kirta” genannt wird, heißt in unserer Region in der älteren Mundartfassung des fränkischen Einflußbereiches bis Ende des 19. Jahrhunderts „Kirb” und danach „Kerb”. Da die Kirchweihen zu den beliebtesten Volksfesten im mitteleuropäischen Raum avancierten, wurde bereits im 15. und 16. Jahrhundert in vielen deutschen Regionen das Fest von der Obrigkeit auf ein bis zwei Tage beschränkt und in den Herbst – nach eingebrachter Ernte – verlegt. Aus dem Kirchenfest wurde ein Erntefest. Um dem Müßiggang und der Verschwendung vorzubeugen, ging die Reglementierung noch weiter: „Kein Dienstbote sollte jährlich mehr als eine Kirmes außerhalb seines Wohnortes besuchen, kein Hausvater mehr als acht Kirchweihgäste aufnehmen und nie mehr als vier Gerichte täglich auftischen.”[5] So werden die meisten Kirchweihfeiern noch heute in der Dreieich in den Herbstmonaten (von Ende August bis Mitte November) begangen. Nur Dreieichenhain (= Dreieich-Dreieichenhain) macht hier eine Ausnahme. Die „Haaner Kerb” wird am Pfingstwochenende gefeiert und hat für die ganze Region die Bedeutung eines Frühlingsfestes erlangt, was sich gleichermaßen auf ihre Popularität auswirkte. Das Ärgernis der Pfarrer Die schriftliche Überlieferung der Kirchweih und ihrer Brauchhandlungen setzt für unser Untersuchungsgebiet erst nach der Reformation ein. Das früheste Zeugnis stammt aus dem Jahre 1562. Damals machte sich der Dreieichenhainer Pfarrer Valentin Breidenstein aus Kassel, der hier seit 1549 amtierte und 1566 an der Pest verstarb, zum Fürsprecher seiner Amtskollegen in der damals isenburgischen Dreieich („Die Pfarherren in der Dreyeich ubergeben ettlicher Unordtnung und ergernus halben, sich unter Ihren Pfarrkindern erhaltend, diese verfaste puncten Ao 62”).[6] Nachdem er sich über die „Fassnacht” ausließ („Syntemall es ist ein solch heidenisch Werck, da die leut auch die gleich den teuffeln sich verstellen, und sonderlich das pawernvolck bratereien gehen, und von Hauss zu Hauss mit trummen und pfeifen im Dorff umblauffen, alss wen sie toll und unsinnig weren…”), kommt er auf die Kirchweih zu sprechen: „Ein solchen Ehrlichen Convent helt man auch auff den Kirchweigen, da das Volck zusamen kompt, alle Wirtsheusser voll sin dt, Jedermann schwelget und seuffet, biss endlich, wen sie voll und tholl sind, ein hawen und stechen darauss wirdt, das ein sprichwortt daraus worden ist, den pawren soll man ihre krichweig allein lassen das ist je ein lobliche frucht, die auss den Kirchweigungen herkompt.” Er versucht also die Diskrepanz zwischen den kirchlichen Anspruch der Feier und dem geübten Volksfest herauszustellen. Er befindet sich in seiner Einschätzung des Volksfestes ganz in der lutherischen Tradition, denn Martin Luther selbst meinte: „Derohalben christliche Obrigkeit von Amts wegen die Kirchweihen, solche säuisch Gefräß und unordentlich Leben billig abschaffen und mit harter Strafe wehren soll, als ein solches Tun, das nichts Gutes jemals auskommen ist!”[7] Aber auch andernorts in der Dreieich wird von den Pfarrern kräftig gegen die Kerbfeiern geeifert. Besonders der in den Jahren 1558 bis 1584 in Langen amtierende Pfarrer Eucharius Zinkeysen wetterte kräftig gegen die Kirchweihbräuche und anderen Tanzbelustigungen. Der reiche Schriftverkehr, den er an die Landesregierung, an den Grafen Wolfgang von Isenburg-Ronneburg-Kelsterbach, richtete, ist noch erhalten. 1568 beschwert sich Zinkeysen, daß den „Egelsbacher Tanzknechten zum Tanz 1 Gulden jährlich zu vertrinken gereicht” werde, die Entschädigung für den Pfarrer allerdings schon seit 10 Jahren ausblieb! Egelsbach gehörte damals zur Pfarrei Langen. An einer anderen Stelle schildert Zinkeysen auch die Tanzgewohnheiten dieser Zeit. So schreibt er 1578: „Wie bei uns die Täntz
Ab Samstag, den 12.9.2015 ist „Das Handbuch für den Ditzebäscher Kerbborsch“ in der 1. Auflage erhältlich. Dieses Handbuch informiert über die Ditzebäscher Kerb und soll den amtierenden Kerbborsche helfen, die Kerb bestmöglich zu erleben. Man erfährt, was von einem Kerbborsch erwartet wird bzw. was ihn erwartet. Zudem gibts ein wenig über unsere Geschichte, unsere Rituale, Symbole, viele Tipps zur Durchführung der Kerb und einen Zeitplan zur möglichst reibungslosen Organisation. Das 60seitige Handbuch wird zum Selbstkostenpreis von 5,00€ vom Parre Zottel direkt verkauft. Du kannst es auch beim Kerbverein ausleihen. Wenn du Interesse hast, melde dich unter info@kerbverein-dietzenbach.de Das Handbuch ist ausschließlich zur Nutzung durch die amtierenden Kerbborsche Dietzenbach, den Kerbwirt und Vereinsmitglieder des Kerbvereins Dietzenbach e.V. bestimmt.
Dietzenbacher Kerb von Heinrich Weilmünster, Lina Weilmünster, Margret Beck Die Dietzenbacher Kirchweih (Kerb) war früher der Höhepunkt des Jahres. Es war die Zeit, zu der die Ernte schon eingefahren war und mitunter die letzten Kartoffel ausgemacht wurden. Die Bauern bestellten bereits die ersten Felder für die Frühjahrssaat. In diesen Tagen waren die Vorbereitungen für die Kerb in vollem Gange. Der Kerbputz stand in fast allen Familien im Vordergrund. Gardinen wurden gewaschen und gestärkt, Wohnungen wurden geputzt und gescheuert. Auf das Kerb- bzw. Tanzkleid freuten sich die jungen Mädchen schon das ganze Jahr. Dann war es soweit: Ende Oktober, manchmal auch am ersten Sonntag im November, stand Dietzenbach ganz im Zeichen der Kerb. Damenfrisösen legten in den letzten Tagen oft Nachtschichten ein, um den Frauen und Mädchen die Haare zu ondulieren. Einige Tage vor der Kerb spazierten die Metzgermeister mit einem geschmückten Ochsen durch das Dorf; dieser Kerbochs war Garant dafür, daß es auf der Dietzenbacher Kerb einen saftigen und kräftigen Braten gab. Wichtig war auch das Kuchenbacken. Die meisten Familien rührten in ihren Backtrog 15 bis 20 Pfund Mehl ein. Bei vielen Familien kam der Bäcker persönlich ins Haus, um den Hefeteig zu machen, denn dieses große Quantum schafften die meisten Hausfrauen nicht. Die Kerbburschen der Freien Turner Dietzenbachs 1926 Dann wurden Streuselkuchen (auf Dietzebacherisch Riwwelkouche), Apfel- (Äppelkouche) und Quarkkuchen (Käskouche) gebacken. Meistens fing die Bäckerei schon Freitag nachts an und in den frühen Morgenstunden des Kerbsamstags duftete es in allen Straßen und Gassen nach frischem Kuchen. Auch heute gibt es noch viele, meist Dietzenbacher, Frauen, die diese Tradition weiterführen. Doch muß heute keine Kerb sein, um Kuchen zu backen. Am Samstag wurde die Kerb meistens angetrunken. Das bedeutete, daß die jungen Leute schon Samstags in die Lokale gingen, um dort die Geselligkeit zu pflegen. Auf dem Kerbplatz waren die Vorbereitungen für den großen Rummel bereits beendet. Karuselle, Schießbuden, Süßwarenstände, Würstchenbuden und Fischverkäufer warteten auf die Besucher. Am Sonntag ging es dann richtig los. Fast jedes Lokal hatte seine eigenen Kerbburschen. Nach dem Umzug haben diese den Kerbbaum vor der Gastwirtschaft aufgesteckt. Mit einer passenden Kerbrede wurde alles glossiert, was im Laufe eines Jahres in Dietzenbach passiert war. Zum Schluß wurde mit einem Glas Wein oder Apfelwein auf die Kerb angestoßen und einer dieser Sprüche klingt vielen Dietzenbachern noch heute in den Ohren: „Wenn dieses Gläschen nicht zerbricht, dann feiern wir unsre Kirchweih nicht.“ Das gibt es wohl nie, daß ein Glas aus 5 m Höhe geworfen nicht zerbricht. Kerbburschen der Freien Turner Dietzenbachs im Jahr 1927 Kerbburschen des Gasthauses „Zur Harmonie” 1927, Arbeiter-Radfahrverein Kerbburschen vom Wingertsberg im Jahre 1946 mit Tanzbär und Bärenführer Nach dem Anbringen des Kerbbaumes spielte die Musik zum Tanz auf. Auch die ältere Generation kam auf ihre Kosten. in den Gasthäusern spielten Stimmungskapellen und Zauberer führten ihre Kunststücke vor. Auch die Bedienung hatte alle Hände voll zu tun: es wurde nicht nur getrunken, bei Rippchen und Kraut schmeckte das Bier nochmal so gut. Viele junge Leute tanzten und feierten die Nacht durch, denn der Kerbmontag war so gut wie ein Feiertag. Da ging es nochmals genauso rund. Die Kerbburschen zogen am frühen Morgen mit Musik und Gesang durch die Straßen und wurden meistens mit Spenden entlohnt. Am folgenden Dienstag wurde in aller Form die Kerb zu Grabe getragen. Man weiß heute noch nicht, was in dem hellen Wäschekorb lag, überdeckt mit einem weißen Leintuch. Wenn man als Kind fragte, was da drinnen sei, so lautete die Antwort: „Die Kerb! Die wird heute beerdigt, aber nächste Jahr kommt sie wieder.“ Es kamen auch viele junge Burschen von außerhalb, die die Dietzenbacher Kerb besuchten und manch schönes Mädchen kennen und lieben lernten, um dann nie mehr von hier wegzugehen. Ein bekanntes Sprichwort sagt: „Wer einmal Dietzenbacher Wasser trank, geht nie mehr aus Dietzenbach fort.“ Mit einem lachenden und einem weinenden Auge wurde am Kerbdienstag die Kerb begraben. Der „Seelsorger” auf dem Bild ist Kurt Hottes. Hinter dem Kreuz ist der Sarg zu sehen. Die Trauergemeinde ist zahlreich erschienen Ein Tänzchen mit dem Bären am Kerbmontag Quelle: Aus eigener Kraft – Beiträge zur Geschichte der Arbeiter-, Sport- und Kulturbewegung in Dietzenbach von Heinrich Weilmünster, Lina Weilmünster, Margret Beck
Jahreszeitliche Feste – Kindheit in Dietzenbach – zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg Feste in einem Dorf gaben immer allen Feiernden Gelegenheiten, Neuigkeiten auszutauschen, sich zu einem gemütlichen Beisammensein zu treffen und neue Kontakte zu schließen. Presse, Rundfunk oder gar Fernsehen gab es nur eingeschränkt bzw. noch überhaupt nicht. Man war auf den ‚Ausscheller‘ angewiesen, der klingelnd durch das Dorf lief, um Neuigkeiten und Gemeindeankündigungen bekannt zu geben. So boten Feste beliebte Möglichkeiten, der Kontaktaufnahme und des Neuigkeitenaustausches — auch mit Menschen aus den umliegenden Dörfern. Herr F. Die wichtigsten Feste waren die gesetzlichen Feiertage, wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Die Kerb – auch Kirchweih genannt – war natürlich ein besonderes Fest! Da war in dem sonst so ruhigen Dietzenbach etwas los. Es kamen die Kerbstände, Karussell, und eine Schiffsschaukel war auch immer dabei. Besonders die häuslichen Vorbereitungen waren anstrengend. Da gab es einen guten Braten mit Klößen und Rotkraut. Der Kuchen wurde beim Bäcker gebacken. Da roch das ganze Dorf nach frischem Kuchen, denn jede Familie hatte etwas zu backen. Die Leute kamen mit dem Kuchenteig und dem Belag zum Bäcker. Der Bäcker oder das Hilfspersonal wogen die Teigmenge, gaben es auf ein Blech und wälzten es aus. Die Kunden taten den Belag darauf, versahen den Kuchen mit einem Namensschild und trugen ihn in die Backstube. Manche Leute machten kein Namensschild an den Kuchen, sondern markierten ihn mit einem Gegenstand, z.B. einer Nussschale. Wenn nun manchmal zwei Kunden dasselbe Zeichen verwendeten, dann konnte es schon einmal zum Streit kommen, wem welcher Kuchen gehörte. Das war teilweise sehr hektisch: manche mussten schon morgens um vier Uhr beim Bäcker sein, damit die Nachfolgenden auch noch rechtzeitig fertig wurden. An diesem Tag kam gewöhnlich sehr viel Besuch. Ich erinnere mich an die Verwandten und Bekannten, denen der Kuchen vorgesetzt wurde. Jeder hatte einen Teller und die Kuchenstücke wurden in längliche Streifen geschnitten und wie ein Holzstapel aufeinander gesetzt. Der große Teller kam in die Mitte des Tisches. Am Abend kam dann das Geschlachtete auf den Tisch, wenn denn schon geschlachtet war. Meist gab es Kartoffelsalat mit Wurst oder Eiern. Für die Jugend war in diesen Tagen besonders die Tanzmusik interessant. Am Kerbsonntag begann um 15.00 die Tanzmusik. Es gab viele Tanzlokale, die man besuchen konnte: die Harmonie, der ‚neue Löwe‘, der Wingertsberg, der Milchhof, die ‚Krone‘. Hier konnte man Tanzen und sich vergnügen. Das Schöne an diesen Lokalen war, man brauchte keinen Eintritt zu bezahlen! Man ging hin, bezahlte für den Tanz 10 Pfennig. Wenn man dann eine Gesellschaft gefunden hatte und es war ein gemütliches Beisammensein, so blieb man und kaufte sich ein Tanzbändchen. Diese gab es für 1 Mark oder 1,50 Mark für zwei Tage. Das steckte man sich ans Revers und brauchte dann keine 10 Pfennig mehr bezahlen. Meistens trug man an diesen Tagen auch stolz neue Kleidung — die Herren einen Anzug, die Frauen ein neues Tanzkleid. Ich besuchte diese Feste mit 14 Jahren, also nach meiner Schulzeit. Da saß man am Rand, schaute zu und es hieß immer: „Ihr müsst euch die älteren Mädchen suchen, die können meist schon besser tanzen.“ Und wir wollten es ja lernen. Man ging auf die Tische zu, machte eine Verbeugung. Daraufhin wandten sich einige immer ab und die anderen tuschelten: „Gucke emal da kimme die lschel widdr.“ Trotzdem fanden wir immer welche und es wurde auch zu Hause mit meinen Schwestern tüchtig geübt. Über den Kerbochsen: Am Montag vor der Kerb wurde der Kerbochse durch das Dorf geführt. Das übernahm ein Metzger. Da wurde zwischenzeitlich angehalten, ein Gespräch geführt: „Was für ein wunderbares Tier es diesmal wieder sei“, Dazu reichte man gerne einen Apfelwein aus dem Fenster. Damit machte man den Leuten schon Geschmack auf den Kerbbraten. Mein Vater erzählte, dass er früher im alten ‚Löwen‘ Stammgast war. Hier spielten sie oft Karten. Etwas von dem Gewinn wurde immer in einen Sparkasten geworfen, der an der Wand hing. Dieser hatte viele Schlitze mit Fächern. Zur Kerbzeit wurde der Kasten dann geöffnet, und jeder erhielt sein Erspartes. So hatte mein Vater sein Kerbgeld. Das war ein ‚Fuchs‘, also ein Goldstück, das da zusammen kam. Besondere Anlass gerade für Kinder: Die „Kerb“ auf dem Harmonieplatz „Kerbburschen auf dem Pferdefuhrwerk mit geschmücktem Kerbbaum, im alten „Milchhof“ in der Hammannsgasse Der Eismann zieht durch die Straßen. In der Darmstädter Straße in der Nähe der „Alten Schule“ Frau R. Der alte ‚Löwe‘ stand früher in der Darmstädter Straße, war das 2. Rathaus, in dem Familie Heberer nach einem Umbau eine Gastwirtschaft betrieb. Nach dem Neubau in der Rathenaustr. / Löwenstraße zog der ‚alte Löwe‘ dorthin um. Herr F. Meistens tranken wir Coca Cola und Wasser, Apfelwein. Aber an der Kerb probierte man auch schon mal ein Bier. Apfelwein fanden wir nicht so interessant, weil man das eh zu Hause hatte. Alle haben ja selbst gekeltert. So weit ich weiß, hat ein Bier damals 18 Pfennige gekostet. Das klingt nicht viel, aber das Geld war damals natürlich sehr knapp. Über das Jahr sparte man, damit man an der Kerb etwas Geld hatte. Eine Begebenheit fällt mir ein: Man war zwar an der Kerb immer echt fein gekleidet, aber die Besucher aus Heusenstamm waren immer noch feiner. Da war man schon etwas neidisch: Man sagte: „Gucke emal, die sind zwar fein gekleidet, haben aber kein Geld in der Tasche. Die klimpern mit ihrem Hausschlüssel.“ Man unterstellte den Heusenstämmern, sie würden damit angeben wollen. … Frau R. … Zur Kerbzeit war es auch sehr schön: Donnerstags kamen schon die Kerbwagen, die Schausteller. Diese bauten ihre Wagen auf dem Harmonieplatz auf. Das war ein Erlebnis, denn wir durften bis „ultimo“ um die „Kerbwäge“ spielen. Das war schön. Zur Kerb gab es meistens neue Kleider, ist dann – neu eingekleidet – zur Patin oder dem Patenonkel und hat sich das Kerbgeld geholt (20, 50 Pfennig oder 1 Mark, je nachdem wie betucht die einzelnen Familien waren). Wenn wir kein Geld hatten, aber in der ‚Reitschule‘ Karussell fahren wollten, sind die Kinder immer, wenn der Aufseher nicht hinschaute, aufgesprungen und mitgefahren.
Die Zigeuner vom Hexenberg (Langener Wochenblatt von 2.5.1806) Zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatten sich die gelbbraunen Schwärme der Zigeuner über die meisten Länder Europas ausgebreitet. Der gemeine Mann betrachtete diese Kinder des Orients mit Furcht und Mißtrauen; finsterer Aberglauben beherrschte damals noch die Gemüter, und kein Strahl des Lichts erhellte die geistige Nacht. Was Wunder also, wenn die Weiber der Zigeuner, im Geruche der Wahrsager- und Zauberkunst stehend, eine reichliche Ernte des Betruges hielten, während die Männer durch Raub und Diebstahl ihren Unterhalt sich erwarben. In der zu Anfang angedeuteten Zeit hielt sich in der Nähe des Otzberges bei Umstadt eine Horde dieses Raubgesindels auf. Sie stand unter dem Befehl eines Hauptmanns, der durch seine List und Tollkühnheit der Schrecken der Umgegend geworden war. An einem schönen Sommerabende war diese Bande in dem großen Walde nordöstlich von Umstadt gelagert. Die Gestalt der Männer war im allgemeinen schlank und hielt die Mitte zwischen groß und klein; jede ihrer Bewegungen zeugte von Kraft und Festigkeit. Die dunkelen Augen, das rabenschwarze Haar und der lange schwarze Bart, der, mit dem Kopfhaare in Verbindung stehend, über Wange und Kinn auf die Brust herabfiel, gab ihnen ein finsteres, düsteres Ansehen. Ihre Kleidung war einfach; ein langer, leinener Überwurf, der bis über das Knie reichte und in der Mitte des Leibes durch einen langen Riemen zusammengehalten wurde, machte den Hauptbestandteil derselben aus. Arme und Beine waren unbedeckt. Etwas zur Seite saßen die Mädchen und Frauen, deren Kleidung ebenfalls aus leinenen Röcken, bis auf den Knöchel reichend bestanden. Alle waren in lebhafter Unterredung, indem sie über überstandene Gefahren scherzten und sich kurzweilige Auftritte erzählten. Der Hauptmann stand von diesen Gruppen etwas entfernt, gelehnt an eine Eiche und gestützt auf eine schwere Büchse. Ein aufgekrämpfter Hut deckte sein Haupt, und sein tiefbraunes Gesicht, wie seine dunkeln, blitzenden Augen, konnte niemand ohne Grauen anschauen. Er sah sinnend auf seine Gefährten und schien zu überlegen, welche Unternehmungen er den folgenden Tag ins Werk setzen wollte. Da rauschte es plötzlich durch das Dickicht; er fuhr auf und sah wild nach der Gegend des Geräusches. Das vordere Gebüsch ward auseinander gebogen, und eine außergewöhnlich hohe Zigeunerin, die sich wahrscheinlich etwas verspätet hatte, kam zum Vorschein; sie war hochbejahrt und hatte dem Anscheine nach mehr als ein Menschenalter durchlebt; auch stand sie bei der ganzen Horde in hohem Ansehen, weil sie vorzugsweise die Gabe besaß, in die Zukunft zu schauen, weshalb sie auch der Hauptmann stets mit Achtung behandelte. Ganz erschöpft und von Schweiß triefend, trat sie hastig vor denselben. „Großer Hauptmann!” sprach sie, „es dräut uns Gefahr.” „Woher soll diese kommen?” entgegnete der Angeredete ruhig – „sprich Henni! Was hast du gesehen, was Neues gehört?” „Ich habe viel gehört und gesehen,“ erwiderte die Gefragte. „Ach, es ist mir bange um uns! In Umstadt herrschte den ganzen Tag große Bewegung; einzelne Reiter und Fußknechte, sowie bewaffnetes Landvolk, sah ich von allen Seiten herbeieilen. Überall begegnete ich nur drohenden Blicken, und nicht viel fehlte, so hätten mich die Gassenbuben mit Steinen todtgeworfen.” In des Hauptmanns Auge blitzte ein unheimliches Feuer; seine Blicke schweiften einige mal über seine Gefährten, die sich schon teilweise um ihn gestellt hatten. Die Männer griffen mutig nach ihren Waffen, während sich die Weiber und Mädchen ängstlich zusammenscharten und bei dem leisesten Geräusch erschreckten. „Haltet Euch mutig, meine Gefährten,” sagte der Hauptmann in ernstem Tone. „Werden wir angegriffen, so kämpft tapfer; streitet für Euer Leben und Eure Freiheit, für Weib und Kind.” Diese Rede erhöhte den Mut der Söhne des Waldes, und der Zug setzte sich nach einigen Minuten still und ernst in Bewegung. – Eben kam des Mondes volle Scheibe am östlichen Himmel zum Vorschein, mit bleichem Scheine die nahen Hügel beleuchtend, als die Zigeuner auf einmal durch ein nahes Geräusch zum Stillstand bewogen wurden. Plötzlich knallten von allen Seiten Hakenbüchsen, Kugeln zischten und Bolzen schwirren; sie waren überfallen. „Durch! nach den Tälern des Odenwaldes!”donnerte der Hauptmann. Wie der Tiger, dem man seine Beute zu entreißen trachtet, stürzten sich die Söhne des Waldes mit geschwungenem Schwerte auf den nächsten Haufen der Angreifer und durchbrachen ihn, aber eine Schar der Christen stürzte sich unter furchtbarem Gemetzel unter die Zigeuner. Der Hauptmann, von allen Seiten umringt, wehrte sich eines Helden würdig und sein Beispiel feuerte seine Untergebenen zu ähnlichen Anstrengungen an. Schon ließen die Christen in ihrer Heftigkeit nach, als gleich einem vernichtenden Orkane ein Zug Schwergeharnischter daherbrauste. Schwerter blitzten im Mondschein, um Tod und Verderben zu bringen. Da löste sich die ganze Zigeunerhorde in wilde Flucht auf. Wie ein Rasender brach sich der Hauptmann Bahn und verschwand im Gebüsche. – Am folgenden Morgen zog die lange, hagere Gestalt einer Zigeunerin ganz allein, einen Esel am Stricke führend, durch den Wald in der Nähe von Urberach; es war Henni, die dem nächtlichen Blutbade glücklich zu entrinnen Gelegenheit gefunden hatte. Schwermütig schweiften ihr Blicke umher, aber noch herrschte die Dämmerung und verbarg unter ihrem grauen Schleier die entfernteren Gegenstände. Als das Gestirn des Tages jedoch am Saume des Horizontes erglänzte, gewahrte sie in einiger Entfernung drei Hügel. Sie lenkte ihre Schritte nach dieser Gegend und fand zwischen dem ersten und zweiten Hügel ein Tal, das von zwei Seiten durch dichten Wald begrenzt wurde. Hier konnte sie ruhig Halt machen; von zwei Seiten schützen sie die Hügel und von zwei Seiten der Wald. Die Decke dieses von der Natur gebildeten Gemaches war das blaue Himmelszelt. Trotz ihres Alters bestieg sie noch rüstig den Hügel, nachdem sie zuvor ihren Esel angebunden hatte. Die Höhe gewährte eine herrliche Aussicht nach den blauen Bergen des Taunus, außerdem gewahrte die Alte noch einige Dorfschaften, die ganz in der Nähe lagen. Kurze Zeit hierauf sah man in den Dörfern in der Nähe Frankfurts die Ehrfurcht gebietende Gestalt einer Zigeunerin daherschreiten, die dem Landvolk für Spenden an Nahrung und dergleichen die Zukunft enthüllte und bei Alt und Jung in hohem Ansehen stand. Niemand wagte, sie zu beleidigen, aus Furcht, sie möchte vermittelst ihrer Zauberkünste Menschen und Vieh Schaden zufügen. Lange blieb der Ort ihres Aufenthaltes ein Geheimnis, denn
Wem is die Kerb? – Unser! Von Frank Oppermann Wohl kaum ein anderer Schlachtruf wie die immer wieder lautstark und selbstbewußt in die Menschenmenge des Volksfestes gerufene scheinbare Frage der Kerbburschen „wem ist die Kerb?” und die darauf auch gleich von denselben Burschen noch lautstarker gegebene Antwort „unser!”, zeigt Bedeutung und Wandel von öffentlichen Festen besser auf als dieser Spruch. Der jeweilige Jahrgang der zum Militär einrückenden jungen Männer bestimmte das Kerbgeschehen, „ihnen war die Kerb”, sie tanzten am meisten, sie tranken am meisten und sie organisierten sich, um die Musikkapelle zu bezahlen, um das örtliche Geschehen des vergangenen Jahres zu persiflieren und um die Kerb mit vielerlei Aktionen auszugestalten. Und wehe, wenn eine andere Jahrgangsgruppe oder gar Burschen aus benachbarten Orten die Beantwortung dieser Frage übernahmen, so war dies oft genug Signal für eine Massenrauferei. Wichtigste Voraussetzung dieser Kerbbräuche war eine sich stützende und sich auch andererseits kontrollierende soziale Dorfgemeinschaft, mit von allen akzeptierten oder zumindest mitgetragenen Verhaltensregeln. Obwohl der religiöse Bezug der Kirchweihfeste – falls überhaupt je vorhanden – sich relativ früh, wohl schon im Mittelalter, löste, blieb die Sozialverbindlichkeit der Kerb als das einzige öffentliche Fest einer Gemeinschaft lange erhalten. („Die Kerb ist unser!”) Sie war das verbindliche Ergebnis einer Ortsgemeinschaft, zu dem auswärtige Verwandte eingeladen wurden, nicht mehr am Ort wohnende Bürger zu Besuch kamen; sie war der öffentliche Treffpunkt der Jugend dieser Gemeinschaft schlechthin, der Heiratsmarkt, Nachrichtenbörse und gemeinschaftliches aktives Feiern gleichermaßen darstellte. Doch dies hat sich heute geändert. Mit einem Wandel unseres gesellschaftlichen Wertesystems ist die Kerb nicht mehr das was sie war und zu einem unter vielen Volksfesten degradiert. Die Rolle der heutigen dörflichen oder kleinstädtischen Öffentlichkeit beschränkt sich auf passives Zusehen oder Konsumieren. Nur noch ein verschwindend geringer Prozentsatz der Bevölkerung eines Ortes nimmt überhaupt am Kerbgeschehen teil. Das Verlagern gesellschaftlicher Verhaltensweisen in andere Gebiete (Fernsehen, Urlaub, Diskothek), ein Überangebot an Unterhaltungsmöglichkeiten gerade bei den großen Volksfesten in unserer Region (Wäldchestag Frankfurt, Heinerfest Darmstadt, Ebbelwoifest Langen), die fast nicht mehr zu überblickenden, jährlich wiederkehrenden Kultur- und Stadtteilfeste („Altstadtfest” in Neu-Isenburg, „Hooschebaa”-Fest in Sprendlingen, „Weiberkerb”, „Töpfermarkt” und „Burgfest” in Dreieichenhain, „Bachgassenmarkt” in Langen, Historische Märkte und Weinfeste andernorts) und unzählige Straßenfeste, Vereinsabende und Nachbarschaftsgrillparties haben die Kerb ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. Ihre alten Bräuche und Riten muten der modernen Gesellschaft wie ein Märchen von „anno-schon-e‘-mals” an. Die Kerb ist nicht mehr „unser”- sie ist lediglich ihren wenigen Organisatoren. Dies wird oft genug als Mißstand empfunden. Die Kerb wird zwar in allen Orten des Dreieichgebietes mit „Schausteller- und Vergnügungsparks” begangen, aber eine sich aus einer alten örtlichen Sozialstruktur wie selbstverständlich jährlich neu rekrutierenden Kerbburschengruppe gibt es nur noch in Dreieichenhain und Egelsbach. ln Langen und Götzenhain haben sich Kerbvereine gebildet, um die jährliche Kerb mit traditionellen Bräuchen auszugestalten. Wohl unbewußt arbeiten sie hier an einem kleinen Aspekt eines übergreifenden gesamtkulturellen Problems. Der Entfremdung und der Austauschbarkeit des Einzelnen und der Kleingruppe innerhalb der Industriegesellschaft und die äußerst geringen Möglichkeiten an aktiver Mitgestaltung des kulturellen und gesellschaftlichen Umfeldes stehen die praktizierten historischen Bräuche der örtlichen Kirchweihfesten gegenüber, die wiederum letztlich auch Versuche sind, eine mitbeeinflußbare lokale Identität herzustellen. … Quelle: Landschaft Dreieich 1989
Interview mit Arthur Keim vom März 2013 von Uwe Schmedemann (Parra Zottel) Arthur Keim ist heute der älteste noch lebende Kerbborsch von der Harmonie. Er ist 1927 geboren und war 1948 Kerbborsch. Heute ist er 86 Jahr alt und hat mich in seinen Keller entführt. Arthur Keim hat viel zu dem kulturellen Leben in Dietzenbach beigetragen. Sein Keller ist voll mit Bildern, Noten, Texten, Fastnachtsprogrammen und Sitzungen. Es ist unglaublich, was er alles aufgehoben hat. Am 01.März .2013 habe ich mit ihm über die alten Zeiten geplaudert. Es war sehr lustig, da Arthur sehr sprunghaft ist. Im Folgenden habe ich unser Gespräch, in dem es hauptsächlich um die Dietzenbach Kerb ging, zusammengeschrieben. Ich habe lange überlegt, ob ich seine Antworten ins Hochdeutsche übersetze, aber ich glaube Arthur wäre nicht Arthur, wenn ich das täte. U: Erzähl mir doch mal etwas über deine Kerberlebnisse 1948. A: Die Kerb 1948 war ein einmalisch. Alles war gut, die Leut worn froh, daß de Kriech und die Währung rum worn. Mir hatte en große Ziehwache, da habe mer alles druffgelaade – was die uns all die Leit alles geschenkt hawwe – die hawwe sich so gefreit. Des war einmalisch – des war a Erlebnis – es gab alles was mer hawwe wollte… Ich hab dann vor de Harmonie gestanne, a Leidder nuff un hab gerufe: „Wem is die Kerb? – unser!“ – „Kummerad schenk ein, es muss einmal getrunken sein. …“. „… wenn dieses Gläschen nicht zerbricht, dann feiern wir unsre Kirchweih nicht…“. „Wem is die Kerb? – unser vom Nawwel bis zum Brunser un der ist unser“ U: Gab es damals auch so etwas wie eine Kerbbobb? A: Die Kerbbobb hawwe mer zusamme selbstgebaut. Als Gesicht hawwe mer der Bobb so a Laff (Mask von der Fassenacht) druff gesetzt. Die Kerbbobb hawwe donn in de erste Stock in de Hammonie – näwe droa – da is so a Stang noch, dra gemacht. U: Wurde die Kerbbobb auch mal von anderen Burschen gestohlen und musste ausgelöst werden? A: Kerbbobbe wurde bei uns nett. So was hat er nicht erlebt. U: Habt ihr die Kerb verbrannt oder vergraben? A: Mir hawwe fer unser Kerbbobb en Sarsch gebaut und den hawwe mer an de Harmonie verbrennt. U: Hattet ihr vor der Harmonie eine Kerbbaum aufgestellt? A: Mir hatte en Kerbbaum, so’n Meter hoch. An de Harmonie, vorne im erste Stock, da hawwe mer a Laader hingestellt, do bin ich anuff gekrebbelt unn hab von owwe de Kerbbaum befesitischt. U: Gab es bei euch einen Kerbparre? A: De Hottes war unser Kerbparre. Der hat auch die Kerbpredigt gehalte. Dess woar friher moin Nachbar, de Hottes hot der geheise. Der hat in de Babehäuser Stros damals gewohnt. Do wor die Schreinerei Spielmann war. Do wor doch die Bäckerei Mauté, wasste des noch? U: Was habt ihr während der Kerb so angestellt? A: Mir sin so rum gezoche … in de Harmonie ham mer meistens gefeiert – dann sinn mer in Linde unn sinn in de Löwe – dann üwerrall rum. Die Wertschaffte – da wor ja – was hat’n Ditzebach fer Wertschaffte gehabbt 48? Da woar des Kinno noch do, de Hofferbert un der hot ach a Kneip unn die Wolfsschlucht – un de Deckmann und de Löwe , Dess iss alles nett mehr da, un im Löwe is aach nix mehr los, ferdisch gell. Lieder hawwe mer viele gesunge: „ Es welken alle Blätter, sie fallen alle ab – uff die Kerb. Unn mein Schatz hat hat mich verlassen und mein Schatz hat hat mich verlassen ist Jahre lang schon fort. Iss Jahre lang schon fort Ins Kloster wollt sie gehen, U: Auf den Fotos von 1948 sieht man einen Bären, ein Mann mit großem Schlapphut und ein als Mädchen verkleideter Kerl. Was hatte es damit auf sich? A: Einen Bär habe wir gemacht, der lebt aach nett mehr – der woar vun de Diebojer – waste wo die Diebojer aus de Borngass – Fenchel. Der Bär war der Fenchel (Diebojer). Der Diebojer hatte 14(?) Kinder und noch 2 newe her. Der Mann mit dem Schlapphut. Das war der Schorsch Jünger, der lebt aach nett mehr. Des Mädche hat de Jünger gemocht. U: Kannst du mir noch was aus deiner Kindheit über die Kerb erzählen? A: Ich bin 1927 geboren, 1933 is de Hitler drann gekommen da bin ich in die Schul gegangen. Was vorher war, dess kann ich nett erzähle. Dess is schwer zu soache, do is ja kaaner mer doo. U: Hattet ihr Kerbkränze? A: Mir hawwe ach Kerbkränz gebunne. Vor jedem Wirtshaus hing so n Kranz. Wir warn damals in der Harmonie, da hawwe mer en Kranz gebunne un drausse uffgehängt. U: Wie habt ihr Kerbborsche euch damals kennengelernt? A: Wir warn all Handballer – wir warn ja lange im Milchhof, in de Harmonie gewese. Dess war einmalisch dort, auch im Saal hinne. U: Gab es jemanden, der Euch angestiftet hat, Kerbborsch zu machen? A: Es war niemand da, der gesagt hat – Ihr seit jetzt Kerbborsche – Wir hawwe des von uns aus gemacht. Es war immer en anderer Jahrgang, awer ich hab des lang gemacht. Ich hab auch viele Kerbrede gehalte. U: Hat euch jemand gesagt, was ihr als Kerbborsch tun sollt/ müsst? A: Nein, dess ging ja nach Talent. Ich hab mir Notize gemach, dass ich so was wie a Kerbrede halte konnt. U: Gab es auch während des Kriegs eine Kerb? A: Während des Kriegs bis 47gab’s keine Kerb. Es war ja nix da! Mir hawwe gehamstert. Sind iwwerall rumgefoarn Damals warn mer Dorf, mit Wiesen und Felder. Meine Mudder hat de Bauern geholfe. Wir hatten auch Äcker gehabt. Da hawwe die Bauer gepflücht. Wir hatte a Baumstück mit Äbbel gehabt, die hawwes e uns geklaut, hawwe se abgesäscht. Da gibts auch a Anekdote: Wir hawwe mol annen erwischt, der die Äbbel geklaut hat. Da hawwe mer de Bolizei Bescheid gesacht, was mer donn mache solle? Un des warn Diebojer, en Diebojer Christian – die hawwe in de Borngass
Kerbvadder / Kerbmodder Sie sind natürlich nicht die Eltern der Borsche, aber fühlen sich für ihre anvertraute Brut während der Kerb und deren Vorbereitungszeit für sie verantwortlich. Sie haben immer ein heimeliges Plätzchen für die ausgezehrten oder abgestürzten Borsche. Sie versorgen sie mit nahrhaftem Essen und stehen ihnen immer mit Rat und Tat zur Seite. In der heutigen Zeit übernehmen meist Wirtsleute diese anspruchsvolle Rolle. Früher haben dies teilweise die leiblichen Eltern eines Kerbborschen übernommen. Horst Buch (1980) und Marion und Ralf Ravensberger (2009). Allesamt waren sie Wirte in der Licher Pilsstube Kerbparre Es ist der geistige Anführer der Kerbborschen. Er wird während der Kerbvorbereitungszeit von den Borschen gewählt. Gut, es kommt auch vor, dass er einfach von ihnen bestimmt wird, aber wichtig ist eigentlich nur, dass es einen gibt. Der Parre hat am Freitag die Aufgabe die Kerbrede zu halten und die Kerbbobb zu taufen. In dieser Rede fasst er zusammen, was in Dietzenbach im letzten Jahr so los wahr. Dabei bekommt bestimmt jeder sein Fett weg. Zum Abschluss steigt bewaffnet mit einem Schnaps auf eine Leiter und verkündet mit folgendem Spruch die Kerb als eröffnet: „Die Sonne geht im Osten auf und geht im Westen unter ich binn die Laider nuffgestiehe und stei se aach wieder nunner doch wenn dies Gläschen nicht zerbricht feiern wir unser Kirchweih nicht. Hoch ist der Himmel, klein ist das Loch dick ist der Stempel, anoi muß er doch“ Arthur Keim (1948) Dann trinkt er das Gläschen aus und zerschmettert es. Er steigt von der Leiter und stimmt zusammen mit den Kerbborschen das Dietzenbacher Kerblied an. Während der Kerb leitet er die Aktionen der Kerbborschen Zum Abschluss der Kerb findet Dienstags traditionell die Kerbverbrennung statt. In diesem Rahmen hält der Parre die sogenannte Grabredd. In dieser Rede lässt er die Kerb Revue passieren und erzählt so einige Anekdoten. Falls es Kerbborschen-Anwärter für das nächste Jahr gibt, werde sie mit Klobürste und Wasser eingesegnet. Anschließend trägt der Parre die Dietzenbacher Version der Bergpredigt vor. Zum krönenden Abschluss richtet er seine weisen Worte an die Kerbbobb. Diese wurde bereits am Nachmittag vom Baum geholt und sieht bereits auf dem „Scheiterhaufen“ wartend, ihrem Ende entgegen. Er zündet den Scheiterhaufen an und alle Kerbborsche weinen um das Ende der Kerb. vorher, nachher Kerbparre von Rainer Rill(1979), Rainer Rill, Peter Maul und Reiner Wagner(2004), Markus Rill (2006), Benny Heidenreich (2007), Manuel Sundt (2008), Uwe Schmedemann und Marco Krebs (Fahnenjahrgang 2012) Bembelträger Der Bembelträger oder früher Munschank (es können bei großen Gruppen auch mehrere sein) ist verantwortlich für das Wohlbefinden auf Touren oder „Außen-Einsätzen“. Er führt stets einen gut gefüllten Bembel mit sich. Seine wichtigste Aufgabe ist es, dass dieser nie leer wird. Das bedeutet, dass z.B. bei der Kneipentour der Wirt, bei dem man sich befindet, angehalten wird, den Bembel vor dem Verlassen des Wirtshauses aufzufüllen. Fahnenträger Er trägt die Fahne des Kerbborschenjahrgangs, die z.B. das Motto des Jahrgangs unterstreicht. Ehrenkerbborsch Der Ehrenkerbborsch oder der Schirmherr wird von den Kerbborsche zusammen mit dem Vereinsvorstand ernannt. Es ist in der Regel ein Mann, der dem Verein oder der aktuellen Kerb einen großen Dienst erwiesen hat. Oft wurde diese Ehre z.B. dem amtierenden Bürgermeister verleihen, sofern er sich für diese Tradition mit allen Kräften einsetzt. Der zu Ehrende muss an der Kerbansprache in schwarzer Hose und weißem Hemd erscheinen. Der Kerbparre ehrt ihn in einer kurzen Ansprache und legt ihm den traditionellen Hut und eine grüne Schärpe an. Anschließend wird er vom Kerbparre gesegnet. Während der Kerbzeit sollte er sich mit diesen Kerbattributen schmücken, dass es auch ein jeder sieht. Gefolge Das Gefolge besteht aus der Zischeunern, dem Bären und seiner Dompteuse. Das Gefolge unterstützt die Kerbborsche bei ihren Aktivitäten. Gerade beim Frühstück einholen spielen sie eine Hauptrolle Zischeunern Die Dietzenbacher hatten früher angeblich dunklere Haut als die Menschen in den anderen Dörfern und dazu schwarzes Haar. Das soll der Grund dafür sein, dass die Dietzenbacher von den Menschen aus den Nachbardörfern „Zischeuner“ tituliert wurden. Ein weiterer Grund könnte sein, dass Dietzenbach zusammen mit Dudenhofen die einzigen protestantischen Dörfer im damaligen „Rod-Gau“ (Ein Untergau des Main-Gau) waren. Für die Katholiken waren die Protestanten „Heiden“ (Ungläubige). Und Heiden wurden damals mit Zischeunern in einen Topf geworfen. Übrigens lautet das dialektische Wort für Heiden in unserer Gegend „Hare“. Auch das ist eine Titulierung für uns Dietzenbacher. Es gibt noch viele Geschichten zu diesem Thema. Aber lange Rede kurzer Sinn: Wir Dietzenbacher haben eine gewisse Affinität zu dem Wort Zischeuner. Die Kerbborsche haben seit nachweislich 1948 in ihrem Gefolge eine Zischeunern. Der Grund dafür könnte auch diese Sage sein: “Zigeuner hat es Ende des 16. Jahrhunderts auch nach Umstadt in den Odenwald verschlagen. Dort lasen die Frauen den Dorfbewohnern die Zukunft und die Männer überfielen als Banden das eine oder andere Gut. Eines Tages rüsteten sich die christlichen Dorfbewohner und griffen nachts die Zigeuner an. Eine junge großgewachsene Zischeunern namens „Henni“ konnte zusammen mit ihrem Esel dem Gemetzel entkommen. Durch den Wald kam über Urberach auf einen Hügel. Dort lebte sie alleine viele Jahre. Sie kam zum Zukunftslesen und Heilen regelmäßig nach Dietzenbach. Die Menschen achteten die charismatische Zischeunern sehr und gaben ihr für ihre Weissagungen Essen und Dinge für das tägliche Leben. Aber keiner wusste wo sie lebte. Bis ihr eines Nachts der hiesige Förster folgte. Bald darauf kannten die Dietzenbacher ihren Lagerplatz. Sie besuchten die Zischeunern oft, holten Rat und versorgten sie. Aber eines Tages war sie verschwunden. Noch viele Jahre später sprachen die Menschen, die den Hügel aus der Ferne sahen, von dem Berg auf dem die Hexe wohnte. Seitdem trägt der Hügel den Namen Hexenberg. Quelle: Zusammenfassung aus einem Artikel des Langener Wochenblatts Nr. 18 vom 2. Mai 1862 Wahrscheinlich angelehnt an diese Sage läuft in Dietzenbach die Zischeunern am Kerbsamstagmorgen mit den Kerbborsche durch die Altstadt. Dort erbettelt sie das Frühstück für sich, die Kerbborsche und das restliche Gefolge. Die Zischeunern begleitet die Kerbborsche auch während der Kerbzeit bei den Touren über den Kerbplatz. Bär und Dompteuse Der Bär symbolisiert die früher auf Kirchweihfesten üblichen Tanzbären. Dass
Die Symbole unserer Kerb sind der Kerbbaum, der Kerbkranz von Männerhand, gewickelt aus Selleriekraut und behängt mit bunten Bändern und der Kerbbobb. Selbige ist von Männerhand aus Stroh und Heu ordentlich bekleidet herzustellen und dient als Wahrzeichen und Schutzpatron der Kerb und des jeweiligen Kerbjahrgangs. Der Kerbbaum Mittags am Kerbfreitag fahren die Kerbborsche in den Wald und fällen eine möglichst gerade gewachsene Fichte von ca. 10-20 m. Beim Fällen darf die Fichte nicht zerbrechen. Besonders die empfindliche Krone muss erhalten bleiben. Der Rest des Stammes wird entastet. Der so preparierte Kerbbaum wird z.B. Traktor und Rolle unter viel Gesang der Borsche durch die Stadt zum Aufstellplatz gebracht. Dort angekommen sollte er möglichst durch reine Manneskraft mit Hilfe von Stangen und Seilen aufgestellt werden. Traditionell gibt es nach der schweren Arbeit ein gepflegtes Bier und lecker Erbsesupp für alle Beteiligten. Der Kerbkranz Der Kerbkranz wird von Männerhand aus Selleriekraut gewickelt und mit bunten Bändern behängt. Die spezielle Technik des Kranzbindens kennen in unsere Stadt leider nur noch wenige Altkerbborschen. Die Kerbbobb Die Kerbbobb wird 2 Wochen vor der Kerb von ihren Kerbborschen, bei gleichsamen üben des Kerbliedgutes, gebaut. Unterstützt durch deftige Speisung meist in Form von Hausmacher Wurst und Handkäse. Als geeignetes Getränk dient natürlich passend zur Jahreszeit Soise, Rausche und Äbbelwoi. Gegen das ein oder andere Schnäpschen ist auf Grund der Außentemperaturen nichts einzuwenden. Sodann wird die Kerbbobb im Dunkeln unter Verschluss gebracht und vor fremden Einblicken geschützt. Auch wird an diesem Tag der passende Name zum Aussehen der Kerbbobb überlegt. Der Name sowie die Bobb werden bis zum Kerbantrinken geheim gehalten. Die Kerbbobb ist das Heiligtum des Kerbborschenjahrgangs und steht natürlich unter dessen Schutz. So unterliegt dieses Brauchtum festen Regeln. Die Kerbbobb ist so am Kerbbaum anzubringen, dass es etwaligen Übeltätern schwer fällt sie von dort zu entführen. Ist ein Stellen des Kerbbaums nicht möglich, muss jedoch zu mindestens der Kranz aufgehängt sein, so dass darunter die Kerbbobb auf ihrem Stuhl ihren Platz findet. Taufe und Bekanntgabe des Namens der Kerbbobb beim Kerbantrinken Die Entführung der Kerbbobb erfolgt niemals durch am Kerbjahrgang beteiligte Personen. Der Klau darf nur von maximal 3 Personen begangen werden. Zum Diebstahl dürfen keine technischen und mechanischen Hilfsmittel benutzt werden. Wird man bei der Tat entdeckt, so muss unbedingt davon abgelassen werden. Ist die Tat geglückt, so darf vom jeweiligen Kerbjahrgang oder dessen Wirt eine Auslöse gefordert werden, die entsprechend der Personenzahl in Speis und Trank ausgegeben wird. Die Kerbbobb darf in keinem Fall Schaden nehmen und muss nach Einigung in ordnungsgemäßen Zustand wieder zurückgegeben werden. Keinesfalls darf sie eigenmächtig vernichtet werden. Die Vernichtung der Kerbbobb wird als Frevel und Ehrverletzung betrachtet und dementsprechend geahndet. Die Kerbbobb ist Eigentum der Kerbborsche oder des Kerbvereins. Die Kerbbobb wird vom jeweiligen Kerbparre zu Grabe getragen und somit symbolisch dem Feuer zugeführt. Diese Zeremonie darf nur durch den jeweiligen Kerbparre durchgeführt werden. Sollte es keinen Kerbparre geben, bestimmt der Kerbverein eine geeignete Person dafür. Zuwiderhandler sollen mit Schimpf und Schande aus dem Ort getrieben werden. Niederschrift der Überlieferung: 06.04.2012 durch 1. Vorsitzenden Peter Maul
Leider sind unsere Traditionen meist nur mündlich überliefert. Hier findet ihr Überlieferungen, die fleißige Menschen in der letzten Zeit zu Papier gebracht haben. Wir sind aber dabei diese zusammenzutragen und werden sie veröffentlichen. Damit ihr aber nicht ewig warten müsst, bis das Gesamtwerk fertiggestellt ist, werden wir euch diesen „unfertigen Bereich“ jetzt schon zugänglich machen. Falls euch auch Überlieferungen bekannt sind, oder ihr Fehler entdeckt, könnt ihr euch natürlich jederzeit bei uns melden. Symbole unserer Kerb –> Repräsentanten und Würdenträger –> Rituale –>
„Dietzebächer Kerb” Hedi Weilmüster erzählt über die alten Zeiten… „Wenn wir so zurückblicken, wie es früher war, gibt’s keinen Vergleich mehr, ganz klar. Die „Kerb“ war der höchste Feiertag im Ort, es blieb keiner daheim, drei Tag ging’s fort, aber bis es soweit war mit de „Kerb“, oh jeh, in jedem Haus hat man die Frauen beim „Kerbputz“ geseh‘, denn viel Verwandtschaft hatte sich zum Besuch angemeld. Es ganze Haus wurde uff de Kopp gestellt. Für die Weibsleut war’s in der „Kerbwoch“ auch eine Tour, denn „in der Reih“ sein mußte die Frisur; schon ganz früh im Morgengraun standen in Schlangen beim Friseur die Frau’n. Am Kerbsamstag ging’s dann beim Bäcker hoch her, Bleche voll Kerbkuche wurden heimgetragen, der schmeckte sehr. Auch beim Metzger ging es rund, ganze Berge Fleisch, ach wieviel Pfund wurden an Kerb so verkonsumiert. Aber der „Kerbochs“ wurde vor’m Schlachten erst durch’s Dorf geführt. Samstagabend ging’s dann schon zum Tanzen fort, bei 3000 Einwohner waren sieben Säle im Ort; man konnte sich in der Turnhalle, im „Löwen“ und im „Milchhof“ zum Tanz einfinde ebenso auf dem Wingertsberg, in der „Harmonie“, „Kron“ und „Linde“. Und alle Säle waren gestoppte voll, die „Kerb“ wurde angetrunken, es war toll, natürlich bekamen die Frauen, lange vorher schon ein neues Kerbkleid, dies war Tradition. Sonntags nachmittags mit Kind und Kegel es auf den Kerbplatz ging; an jedem Wirtshaus ein ausgestopfter „Kerbborsch“ hing; Ein Kerbbaum war natürlich auch gesteckt, und die „Kerbborsche“ hatten eine „Kerbredd“ ausgeheckt; doch dies war für manche nicht immer ’ne Freud denn „auf die Schipp“ genomme hawe se die Leut. Sonntags abends waren Säle und Wirtschafte wieder voll bis „hinnewitt“. Rippche und Kraut gab’s und Äppelwoi nach alter Sitt‘. Das „Kerblied wurde gesunge, Stimmung herrschte bis morgens früh; gar mancher konnte net mehr grad heimgieh. „Kerbmontag“ in der Früh zogen die „Kerbborsche“ dorch die Stroße, sie sangen mit rauhem Hals und hawe geblose und sammelten Geld in de Geschäfte un bei de Leut un hawe sich dann uff de Frühschoppe gefreut. Da war was los in de Wirtshäuser, ei-ei-ei, auch Auswärtige kamen in Massen herbei; beim „Fischer“, „Hofferberth“ in der „Wolfschlucht“ und bei’m „Deckmann“ traf man viele Kerbgäst‘ bei Essen und Trinken an. Für Kinder natürlich der „Kerbplatz“ die Hauptsach‘ war und ganz besonders das „Kerbgeld“, klar. Am Harmonieplatz einige Zuckerständ‘ warn, man ist Kinderkarussel und Schiffschaukel gefahr’n. Dienstagabend sind die Leut‘ wieder auf den Kerbplatz gerennt, denn dort wurde nun der „Kerbborsch“ verbrennt; das bedeutet, die „Kerb“ wird begraben nach altem Brauch, und beerdigt wurde der „Borsch“ dann auch; und nach alter Dietzenbacher Sitt‘ sangen die Leute das „Kerblied“ mit. „Es welken alle Blätter“, so fing an das Lied „Sie fallen alle ab uff die „Kerb“ es weiter gieht; es hatte sechs Strophen, die Melodie war en de Reih, und danach war dann die „Kerb“ vorbei. Quelle: Dietzenbach – Anno dazumal Hedi Weilmüster
Im dreißigjährigen Krieg wurde das Kirchenschiff unserer evangelischen Kirche schwer beschädigt und seither nur notdürftig geflickt. Außerdem ist sie, für die in den letzten Jahrzehnten, angewachsene Gemeinde viel zu klein geworden. In den Jahren 1753/54 erhält unsere Kirche ein neues Kirchenschiff. Das Kirchenschiff wird mit dem, vorher separat stehenden Kirchturm, zu einer baulichen Einheit verbunden. Am 27. Oktober 1754 ist es dann vollbracht. Seitdem wird bei uns jedes Jahr an diesem Wochenende Kirchweih (Kerb) gefeiert. Fällt der 28. Oktober auf einen Sonntag, wird an diesem Wochenende Kerb gefeiert. Fällt der 28. Oktober auf einen Wochentag, dann ist die Kerb am darauf folgenden Wochenende. (Quelle der Datumsberechnung: Christuskirchengemeinde Dietzenbach) Bildquelle: 775 Jahre Dietzenbach Heimat- und Geschichtsbuch Gisela Rathert und Detlev Kindel Herausgeber: Magistrat der Stadt Dietzenbach