Kerbborsch im Regen (28.04.2018)

In den Heimatklängen von 1935 berichtet Pfarrer Weber von der Kirchweih

Von Barbara Scholze

DIETZENBACH * Die „Dietzenbacher Heimatklänge“ liefern als historisches Zeugnis ein facettenreiches Bild des Dörfchens im Wiesengrund. Initiiert von Pfarrer Rudolf Laut zu Beginn des Ersten Weltkriegs, erschien das Gemeindeblatt der damaligen „Evangelischen Kirche Dietzenbach“ bis 1937. In loser Reihenfolge berichten wir daraus. Über „Die Kirchweih“ schreibt Pfarrer Theo Weber am 3. November 1935 in den Heimatklängen. Acht Tage früher sei das Fest dieses Mal gefeiert worden und zwar mit „allen Mitteln der Propaganda und Presse“ gut vorbereitet.
Weber berichtet: „Auch ein Kerbbursch (eine Kerbpuppe, Anm. der Redaktion) saß unter einem Zeltdach auf dem Ortsplatz. Der arme Kerl! Er hatte vergessen, gutes Wetter zu bestellen. Saß von Sonntagmorgen 4 Uhr bis Montagmorgen 4 Uhr ununterbrochen in Regen und Wind, der manchmal zum Sturm ausartete
und ihm die abfallenden klatschnassen Laubblätter nur so en masse um die Ohren schlug.“ Am Montag sei das Wetter dann wieder hell und trocken gewesen, ein frischer Wind habe dem Kerbborsch seine Kleider getrocknet. In den Heimatklängen heißt es: „Sicher aber hat er einen schönen Schnupfen weg. Nun, bis zum nächsten Jahre wird er wohl geheilt sein.“

Trotz des sehr schlechten Wetters sei viel Besuch gekommen: „Die vier Säle und Wirtschaften waren übervoll besetzt. Der Festgottesdienst war – gewiss nur des Regens wegen – sehr schwach besucht. Die Kollekte hatte 3,05 Mark ergeben. Darunter war ein Markstück. Ein einziges Tanzbändchen hatte am Sonntag zwei Mark gekostet
und war unter Einrechnung der Steuer gewiss nicht zu hoch. Es kam also an Gabe für die Kirche, der der Tag doch galt, auf die evangelische Familie etwa ein Drittel Pfennig.“ Zum Schluss seines Berichtes fragt Weber: „Wieviele Pfennige oder Marken kommen aber in allen übrigen Ausgaben auf die Familie?“

Im weiteren Verlauf der Schrift würdigt der Pfarrer ein Geburtstagskind: Der Landwirt Johann Martin Keim in der Schäfergasse habe im August des Jahres „in voller geistiger und leidlich körperlicher Frische“ sein 80. Lebensjahr vollendet. „Es wird niemand in der Gemeinde sein, der ihn nicht achtet und sich nicht an seinem treuen, lieben Wesen erfreut. Die Älteren kennen ihn besonders als den durch Wind und Wetter zuverlässigen Fahrer nach nah und fern. Nun sind die breiten Ackererhände krumm und müssen ruhen. Sie dürfen sich auch die Ruhe gönnen. Sie haben von Kindheit an hart und schwer arbeiten müssen.“ Nicht nur als Landwirt und Fuhrmann habe Johann Martin Keim ganze offene Treue bewiesen, auch als Christ und treuer Sohn seiner evangelischen Kirche sei er allezeit ein Vorbild gewesen: „Schon
am 29. Mai 1903 wurde er mit seinem um ein Jahr älteren Freunde, Ludwig Krapp, in die Kirchengemeindevertretung gewählt. Seit dem 7. April 1918 gehörte er mit seinem Freunde dem Kirchenvorstand an. Als sie am 30. Juli 1933 des hohen Alters wegen ihr Amt niederlegen wollten, ernannte sie der Kirchenvorstand
zu seinen Ehrenmitgliedern. Noch heute nehmen beide regen Anteil am Geschick ihrer Kirche. Wir wünschen unserem Geburtstagskinde noch eine schöne Reihe gesegneter Lebensjahre in seines Gottes treuer Obhut.“

Einen weiteren 80-Jährigen würdigt der Pfarrer in einer Ausgabe später, am 24. November 1935: „Am vergangenen Samstag, dem 16. November, vollendete Herr Johann Simon sein 80. Lebensjahr. Aus Ober-Roden stammend, verheiratete er sich hier am 28. August 1881 mit Dorothea, geborene Erb, die am 20. Mai 1919 nach 38-jähriger Ehegemeinschaft von ihm schied. Von seinen zehn Kindern gingen ihm bis heute fünf im Tode voraus, sein Sohn Philipp starb am 25. Juli 1915 in Russland den Heldentod fürs Vaterland. Er selbst erfreut sich nach schwerer Krankheit wieder eines schönen Lebensabends, dem noch eine schöne Zahl weiterer Jahre vergönnt sein möge.“

Quelle: Offenbach-Post vom 28. April 2018