Die Tradition weiterleben lassen (24.7.2018)

Kerbvereine des Kreises Offenbach beraten, wie sie gemeinsam die Zukunft der Kirchweihen gestalten können

Von Burghard Wittekopf

DIETZENBACH * Die Lage ist sehr ernst und könnte dramatisch enden. Einige Teilnehmer bringen sogar eine feste Grenze mit Schlagbaum und Zollhäuschen zwischen Ober- Roden und Urberach ins Spiel. Jetzt ist die lokale Politik dringend gefordert, um das Schlimmste zu verhindern. Auslöser des Streits ist die Fahne des Kerbvereins Ober-Roden. Die wurde von den mutigen Kerbborsche aus Urberach in einer Nacht und Nebelaktion geraubt. Dieses Vorgehen ist übrigens nach dem ungeschriebenen Gesetz der Kerbborsche straffrei und kann von der Justiz nicht geahndet werden.
„Wir haben die Fahne wieder zurückgegeben“, betont der Urberacher Kerbborsch Lucca Dörrstein. „Aber das versprochene Lösegeld steht noch aus.“ Laut eigenen Angaben sollten entweder zehn Kisten Bier für das Grillfest übergeben werden oder mindestens 300 Euro in die Kasse des Kerbvereins Urberach fließen. Doch nichts davon ist bisher geschehen, beklagen sich die Urberacher. Jetzt sei die Politik an der Reihe, um die Wogen zu glätten.
Um solche und viele weitere wichtige Themen geht es beim „1. Stammtisch der Kerbvereine“ in der Gaststätte zur Harmonie. Eingeladen hat der Dietzenbacher Kerbverein. Der Anfang ist gemacht. So treffen sich Vertreter aus der Kreisstadt, Langen, Urberach und Götzenhain, um sich beim geselligen Beisammensein über das Leben im und rund um den Kerbverein auszutauschen.

Mitglieder von verschiedenen Kerbvereinen des Kreises posieren vor der Harmonie. Fotos: bw

Trinkfest muss man als Kerbborsch schon sein, denn es fließt reichlich Bier. Ein Stiefel, den die Hausherren gespendet haben, macht schnell die Runde.
Begrüßt werden die rund 30 Gäste vom Vorsitzenden des Dietzenbacher Kerbvereins, Peter Maul. Bereits im vergangenen Jahr kamen die Vorstände zusammen. Aus diesem Treffen haben sich gegenseitige Besuche auf den jeweiligen Kirchweihfesten entwickelt. Denn es gilt, die Tradition zu erhalten und Nachwuchs zu gewinnen, damit die Geschichte weiterlebt. Vereine wie Dreieichhain sind darin äußerst erfolgreich. Dort ist die Kerb tief verwurzelt, so gibt es mehr als 40 Kerbborsche. „Die haben eine andere Tradition“, sagt Uwe Schmedemann“, stellvertretender Vorsitzender vom Dietzenbacher Kerbverein. „Bereits kurz nach der Geburt bekommen die Kinder mitgeteilt, wann sie Kerbborsch sein dürfen.“ Außerdem hat der Kerbverein das Fest komplett selbst in der Hand und kann bestimmen, wer auf den Platz darf und wer nicht. Der Urberacher Kerbverein ist nach eigenen Angaben erfolgreich: So haben sich dieses Jahr 25 Kerbborsche zusammengefunden. Das passt gut, denn der Verein feiert sein 25 jähriges Bestehen.
Das 35-Jährige zelebriert in diesem Jahr der Langener Kerbverein: „Diesmal allerdings ohne Kerbborsche“, sagt der Vorsitzende Alexander Seipp. Der Verein ist mehr auf den Festen wie dem Ebbelwoi-Fest vertreten. „Die eigentliche Kerb spielt bei uns eine kleine Rolle“, berichtet Andrea Seipp. Die Langener erhoffen sich von dem Treffen neue Inspiration, wie man Mitglieder gewinnen und halten kann.

Ralf Wentz vom Götzenhainer Kerbverein gönnt sich einen Schluck aus
einem Bierstiefel.

„Wir haben dieses Jahr auch keine Kerbborsche“, wirft Ralf Wentz ein. Er vertritt den Kerbverein Götzenhain. Aber traurig sind die Götzenhainer nicht, denn mit einem breiten Lächeln fügt er hinzu: „Wir haben fesche Kerbmädels.“ Um Mitglieder zu gewinnen, geht der Kerbverein in Grundschulen und macht den Kindern die Kerb spielerisch schmackhaft. Wentz ist vom Stammtisch begeistert und freut sich über den regen Austausch. Die Götzenhainer feiern dieses Jahr zwei besondere Jubiläen: Zum einen 700 Jahre Götzenhain und das 30-jährige Bestehen des Kerbvereins.

Neun Kerbborsche
in der Kreisstadt

Der Dietzenbacher Ableger freut sich darüber, dass mit Laura Aracu, Andreas Siffermann, Fabian Dechant, Maximilian Imhof, Sarah Morian, Victorija Radchenko, Robin Schleich, Daniel Schmedemann und Leon Bell neun mutige Kerbmädels und -borsche gefunden wurden.
Vorstand Peter Maul sieht nach dem Treffen Handlungsbedarf im Verein: „Wir müssen unsere Satzung ändern, die ist viel zu kompliziert“, resümiert er. Das habe er im Austausch mit den anderen Vorständen gesehen. Ansonsten sei das Treffen super gelaufen. „Es ist schön, dass die Tradition der Kerbvereine immer noch weiterlebt.“ Aber man müsse daran arbeiten. Es sei nicht einfach, Menschen für das Ehrenamt zu begeistern. „Aber wenn sie einmal Blut geleckt haben, dann sind sie mit Leib und Seele bei der Sache dabei.“

 

Quelle: Offenbach Post (online) 24.7.2018