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Zum 227. Mal Kerb gefeiert (3.11.1981)

Die Tradition der „Kerbborsche“ lebte wieder auf

Dietzenbach (gs) — „Wieder einmal ist’s so weit — zur Kerb wir treffe uns, ihr Leit!“ — Mit dieser traditionellen Einleitung der Kerbrede eröffnete der „Parre“ (Kerbpfarrer) am Freitagabend bei Kerbvadder Buch nachdem Aufrichten des Kerbbaumes in der Frankfurter Straße das diesjährige Dietzenbacher Kirchweihfest. Es ist die 227. Kirchweih‚ und vor zwei Jahren lebte in Dietzenbach die alte Tradition der Kerbburschen wieder auf, die nach dem Krieg weitgehend in Vergessenheit geraten war.

Jakob Keim aus der Bahnhofstraße, einer der wenigen echten Dietzenbacher, die es noch gibt, berichtete uns, wie die Kerb früher gefeiert wurde. Schon Wochen vorher wurde über die Kerb gesprochen und alles hergerichtet. Acht Tage vorher wurde der Kerbochs im Ort herumgeführt. Freitags vor der Kerb ging in den Häusern das Kuchenbacken los, vom Hausboden kam der Backtrog herunter und die Mutter hat dann feste „eingeschmiert“ und gebacken. Am Samstagabend wurde der Baum geputzt und der Kerbkranz mit Selleriekraut gewickelt.
Mit Gesang wurde dann dieser Kerbkranz durch den Ort getragen, Sonntagnachmittag war Kerbumzug. Mit Musik, Baum und Kranz ging es durch die Ortsstraßen zum Vereinslokal, dort wurde die Kerbrede gehalten. Dabei wurde alles, was das Jahr über passiert war. durch den Kakao gezogen und nach jedem Satz kam der Spruch: „Kamerad schenk ein, es muß einmal getrunken sein“. Den Bauern rief der Kerbbursch zu: „Laßt euch nicht geliste‚ eure Magd vor Dienstag in den Stall zu schicke um zu miste. Und ihr Musikanten spielt recht laut. Ebert, laß den Baß recht brumme, daß sie alle auf unsere Kerb komme.“ Nachdem der Kerbbaum dann aufgestellt war, begann der Tanz. Sieben Tanzsäle gab es damals in Dietzenbach und alle waren voll bis auf den letzten Platz.
Vor zwei Jahren nun hat der Ildt-Club – eine Dietzenbacher „Schoppen-Fußballmannschaft“ – diese alte Tradition wieder aufleben lassen, und die jungen Burschen wurden dabei von den alten Dietzenbachern kräftig unterstützt. Die Begeisterung, mit der auch der diesjährige Kerbburschen-Jahrgang an diese selbstgestellte Aufgabe heranging, ist zu bewundern. Denn diese vier „tollen Tage“ sind für die Kerbburschen gewiß kein Zuckerschlecken. Erstmals in diesem Jahr zog auch ein Mädchen mit den 13 Burschen als „Kerbjungfrau“ durch die Dietznbacher Lokale. Nur am Bau der Kerbbopp – die Puppe, die auf dem Kerbbaum befestigt, wachsam von den Burschen gegen Diebstahl durch rivalisierende Gruppen geschützt wird – war Kerbjungfrau Christine Schmidt nicht beteiligt. Denn nach der alten Überlieferung darf die Bopp nicht von Frauenhand berührt weren.
Am Samstagnachmittag war Aufbruch der Burschen zur „Kneipkur“. Abends hatte die Turngemeinde zum traditionellen Kerbtanz auf den Wingertsberg geladen. Mit gekonnter musikalischer Unterstützung der „Bellflowers“, die fast schon „Hauskapelle“ auf den Wingertsberg geworden sind, schmetterten auch hier die Kerbburschen ihre – zum Teil recht deftigen – Lieder in das Publikum. Bis in die frühen Morgenstunden wurde auf dem Wingertsberg „geschwooft“ und es blieb den Burschen dann nicht mehr allzuviel Zeit, sich für den traditionellen sonntäglichen Weckruf fertigzumachen. Weil die bisherige Erfahrung lehrte, daß der Weckruf durch die Dietzenbacher Straßen nicht mehr von den Kerbburschen allein bewältigt werden kann, da sich inzwischen fast alle Stimmen der Burschen durch Alkohol und Gesang „stillschweigend verabschiedet“ haben, ist es der Dietzenbacher Fanfaren- und Spielmannszug, der dabei für die nötige Lautstärke sorgt.
In Schlafgewändern und Nachtmützen wird dieser Umzug (und Umtrunk) durch. die Stadt „zelebriert“ Am Schluß dieses „Schlafwandlerzuges“ marschieren die Kerbburschen und verkaufen ihren „Riwwelkuchen“ (Streuselkuchen) und bessern damit ihre Kerb-
kasse etwas auf. Ein ganzer Handwagen voller Kuchen wird auf diese Weise unters Volk gebracht.
Am Montagmorgen nahm das Kirchweihtreiben seinen Fortgang: Zum traditionellen Frühstückholen durch die Dietzenbacher Geschäfte trafen sich die Kerbburschen, und dieses Frühstück wurde dann anschließend beim Frühschoppen beim Kerbvadder Buch gefeiert. Und auch der Dietzenbacher Gesangverein „Sängerkranz“ traf sich im alten Traditionslokal „Zur Linde“ zum Kerbfrühschoppen. Zum Kerb-Dämmerschoppen kamen am Dienstagabend die Senioren im Reinhard-Göpfert-Haus zusammen. Bei Hering oder Hausmacher Wurst bot auch hier der „Sängerkranz“ die musikalische Untermalung und anschließend spielte die Dietzenbacher Rentnerband zum Tanz auf. Auch die Senioren hatten wieder eine Kerbbopp gebastelt und sie wurde nach Einbruch der Dunkelheit — unter Assistenz der Kerbburschen — feierlich verbrannt.
Auch im evangelischen Gemeindehaus an der Kirche – dem eigentlichen Ursprung dieses Kirchweihfestes – war die Gemeinde zum traditionellen Kerbschoppen versammelt. Den endgültigen Ausklang der Kerb veranstalteten die Kerbburschen mit dem Verbrennen ihrer Kerbbopp am Dienstagabend am Trinkborn. Mit einer „unheimlich traurigen“ Grabrede und unglaublich viel Apfelwein unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde damit die diesjährige Kerb zu Grabe getragen.

 

19811103_offenbachpost_1_001Kerbzentrale – mit Kerbbaum und der Kerbbopp vor der Tür – war auch in diesem Jahr wieder die „Licher Pilsstube“ von Kerbvadder Buch in der Frankfurter Straße.
Foto: Giesa

Quelle: Offenbach Post 3.11.1981 (Sammlung Karl Heinz Kunz)

Gastlichkeit beim Kerbvadder (22.11.1979)

Gastlichkeit beim Kerbvadder

In der Licher Pilsstube in der Frankfurter Straße herrscht eigentlich immer, wann man auch kommt, gute Stimmung. Denn hier ist es vor allem gemütlich, fast ein bißchen familiär, und wer mal ein nettes Gespräch sucht (auch mit Unbekannten, denn wer bei Horst und Henny Buch am Tresen steht, der gehört eben dazu), findet nette Unterhaltungspartner. Man genießt diese Gemütlichkeit, die sehr gepflegten Getränke (besonders das kühle Licher Pils, aber auch Apfelwein gehört hier zu den bevorzugten Getränken, ganz zu schweigen von den „Kurzen“).

Und wer zwischendurch mal Hunger bekommt, kann auch- obwohl die Lichner Pilsstube kein Speiselokal ist – ein Kurzgericht „zur guten Unterlage“ haben: Rumpsteak, Schnitzel, Krakauer… So ist es kein Wunder, daß Horst und Henny Buch eine feste, treue Stammkundschaft haben, daß es etliche fest etablierte Stammtische gibt, junge Leute wie etwa der ILDT-Club, aber auch Rentner, und – das macht wohl die Atmosphäre in dieser netten Pilsstube – jung und alt verstehen sich vortrefflich. Da wird auch mal etwas ausgeheckt, so wie im vergangenen Jahr die Wiederaufarstehung des alten Kerbborschenbrauches, was dann, wie es sich in diesem Jahr gezeigt hat, halb Dietzenbach mitreißt.

Es ist ein grundsolides Lokal, hier gibt es keine Angabe, keinen Nepp, und wer auch Familienfeiern gemütlich liebt, der kann mit bis zu 40 Personen dort vorzüglich feiern.

 

Quelle: Stadtanzeiger Dietzenbach  22.11.1979 (vielen Dank an Karl Heinz Kunz)

 

Die „Kerbbobb” wurde „feierlich” verbrannt (1979)

 Bei einem großen Fackelzug wurde die Bobb von der Frankfurter Straße, wo sie vor der Licher Pilsstube des „Kerbvadders“ Buch Vier Tage oben am Kerbbaum gehangen hatte (mit Ausnahme der Zeit narürlich‚. wo sie zweimal entführt worden war), zum „Trinkborn” von den Kerbborschen getragen. Fotos: Keller

Die „Kerbbobb” wurden „feierlich” verbrannt

Zum Kerbausklang gab es noch einmal viel Spaß

Iad „Die Kerb ’79 ist tot“ – und zu Grabe getragen wurde sie nochmals mit allerlei Hallo: Die „Kerbbobb“, die zweimal entführt worden war (einmal waren es die  Burschen vom Ildt-Club‚ die Kerbburschen vom Vorjahr, beim zweitenmal, wir leben in der Zeit der Emanzipation der Frau, die Kerbbräute), wurde im Fackelzug vom „Kerbvadder“ Buch zum Trinkborn geschleppt, wo sie Opfer der Flammen wurde.

Rainer Wagner vom Ildt-Club war der Kerbparre, aus der alten Kerbbibel von 1934 holte er seine „Grabrede“: „Ihr liebe Borsch von de Kerb dieselbe grad ebe sterbt, gedauert hat se vier volle Dag.“ Er ließ das kurze Leben der Kerbbobb und die ganze Kerbseligkeit nochmals vorüberziehen –  dicht bei dicht standen die Dietzenbachen. Alt- und Neu-Dietzenfloacher, jung und alt traulich vereint, hörten der Grabrede zu und schauten faszinierend zu, wie die Bobb in Flammen aufging.

„Unser Ruh, die ham mer uns verdient“, hieß es zwar zum Schluß, doch es war an diesem Dienstagabend noch lange nicht Ruh: Im Fackelzug ging es zurück zum „Kerbvadder“ Buch, wo in einer feierlichen Zeremonie Rainer Wagner die Würde des Pfarrers, seinen Hut, die Kerbbibel Rainer Rill übergab.

Am historischen Trinkborn wurde die Kerbbobb unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eingeäschert.

 

Quelle: Offenbach Post 1979 (vielen Dank an Karl Heinz Kunz)

Die Kerb war unser – 1980 sind 62er dran (1.11.1979)

Die Kerb war unser
1980 sind 62er dran

Die Kerb ’79 ist vorbei, die Kerbbobb ist verbrannt (und gebührend betrauert und begossen worden). Am Freitag hatten die Kerbborschen vom Jahrgang ’78 sich den Baum aus dem Wald geholt, aufgestellt vor der Licher Pilsstube in der Frankfurter Straße, wo „Kerbvadder“ Horst Buch residierte‚ die Bobb hochgehievt. Für so viel Fleiß und Anstrengung belohnte sie der Kerbvadder mit einer kräftigen Erbsensuppe. Ihm ist der alte Kerbbrauch ein Herzensanliegen. „Wir wollen die Kerb doch wieder hochbringen“, die alte, eingeschlafene, immer mal wieder aufflackernde Tradition soll auf Dauer wieder lebendig werden.

In voller Kerbborschepracht, mit Strohhüten und den Schärpen, hörten sich dann später die Kerbborsche die „Kerbrede“ an, die Rainer Wagner ihnen und den „hochverehrten Kirchweihgästen“ hielt. Rainer Wagner gehört zum Ildt—Club, der 1978 die ersten Kerbborschen seit langem stellte und auch diesmal kräftig mitwirkte. Feierlich ernannte er Horst Buch zum „Ehrenkerbborschen“. Wie in alten Zeiten wurde den Mädchen Böses angedroht: ihr Bursch werde bei der Kerb nur mit anderen tanzen. Doch ist anzunehmen, daß sich schon die Großmütter und Urgroßmütter wenig aus solchen „Drohungen“ gemacht haben, die wenigen anwesenden Mädchen lächelten nur lässig.

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Nach alter Tradition ließ Rainer Wagner das vergangene Jahr noch einmal vorüberziehen, und jeder bekam sein Fett ab und das Gelächter wurde immer vergnügter. Die Burschen stimmten das Kerblied an, und feierlich wurde verkündet: „Somit ist die Kerb 1979
eröffnet.“

Von SG-Fanfaren geweckt

„Von Frankfurt bis nach Messenhausen soll man die Musikanten hören“, hatte es am Freitagabend in der Kerbrede geheißen. Und war die Musik zum Kerbtanz auf dem Wingertsberg, in der SG-Halle, in Alt-Dietzenbach schon recht kräftig, so war der Weckruf des SG-Fanfaren- und Spielmannszuges am Sonntag, wenn auch nicht bis nach Messenhausen‚ so doch straßenweit zu hören.

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Zunächst allerdings hatte es vorm Kerbbaum lange Gesichter gegeben: die Bobb war weg. Trotzdem ließ es sich Albert Meister nicht verdrießen: Er blies den Weckruf mit der Fanfare, der Kerbvadder und Frau Henny drehten ein Ehrentänzchen. Dann ging‘s los:
Der Fanfarenzug, sonst in schmuckem Blau, bot ein lustiges Bild in gestreiften, geblümten oder gar rüschenverzierten Nachthemden zog er mit kräftigem Spiel durch die Straßen, die Kerbborsche mit dem Selleriekranz und dem Leiterwagen mit dem Kerbkuchen hinterdrein‚ ihnen folgten die Kerbborsehen 78 vom Ildt-Club, die Schoppenranchers, die Grottenmolche. Vorneweg fuhr Schorsch Ruchti als „Schrittmaeher“ und ab und zu machte er sogar Verkehrspolizist, um den lustigen Zug über gefährliche Kreuzungen zu lotsen.

Erster Halt „beim Eckert“, wo der Kerbkranz, wie eh und je – „seit Ewigkeiten“, meinte Alfred Eckert – und natürlich gab er als Dank für das Ständchen einen aus und auch noch was in die Kerbkasse – und bekam gleich noch ein Ständchen.
Weiter zog der lustige Zug, Meister Albert dirigierte ab und zu vom Leiterwagen aus, den Christa Jungermann zog, begleitet von drei hübschen kerzentragenden Mädchen, zum „Alt-Dietzenbach“, wo sich die ganze Zeremonie wiederholte. Gleich um die Ecke herum wurde Ehrenstabführer Jakob Wolf ein Besuch abgestattet. Er ergrifft selbst den Taktstock und dirigierte „seine“ Musikanten.

Vorm „Wienerwald“ wurde nochmals kräftig gefeiert, dann wurde beim „Treppchen“ Schluß gemacht. Auch hier gab’s ein Ständchen, einen kräftigen Schluck zur Belohnung, aus der Bäckerei Staab wurden Berge von Kreppel herübergebracht und verteilt.

***

Die „Bobb“ ist natürlich wieder aufgetaucht, die Burschen vom Vorjahr, der Ildt-Club, hatte sie gemopst, das Rauben der Bobb gehört zur Tradition und natürlich auch das Wiederzurückfinden — sonst könnte sie ja nicht verbrannt werden.

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Text: Gudrun Ludewig
Fotos: Peter Keller

Quelle: Dietzenbacher Stadtanzeiger – Donnerstag, 1. November 1979

Jahrgang 1978

Der Ildt-Club

Der Ildt-Club (Reiner Wagner, …) hat 1978 die ersten Kerbborsche seit 1951 wieder hervorgebracht.

 

hier fehlt uns noch a Foddo!

 

Kerbbobb: ?

Kerbparre: Reiner Wagner

Kerbborsche: Stefan Buch, Dieter Gaussmann, Reinhardt Hagen, Rainer Keim („Nasses“), Karl-Heinz Kunz, Heinz Werner Schäfer, Gerhardt Schäfer („Bimbo“), Herbert Schmidt („Erbs“), Dieter Schmunk, Heinz Schroth („Schröder“). Michael Stadter

Ehrenkerbborsch: Horst Buch

Kerbvadder: Horst Buch

 

 

Die Grottemolche

1978

Kerbborsche: Stefan Müller, Wesley Lewis, Jochen Biemüller, Jürgen Seib („Kuche“), Erhard Stepka, Clemens Bendel, Gerd Sehnert, Ralf Michel, Wolfgang Michel, Georg Raab

Zeiddungsadickel:

  • Unsere Stadt (02.11.1978) - Quelle: Stadtpost Dietzenbach (2.11.1978)   UNSERE STADT Der Kerbborsch (und gleich noch ein zweiter bei den Senioren) ist in Flammen aufgegangen. Die Kerb 78 ist tot. Es lebe die Kerb […]
  • Diese Kerb: ein guter Neubeginn (02.11.1978) - Diese Kerb: ein guter Neubeginn Als am Kerbmontag beim Frühschoppen in der „Linde“ kein einziges Plätzchen mehr zu finden war, als die Leute dennoch für jeden Neuankömmling noch ein bißchen […]
  • Kerbborsche führten Regiment (31.10.1978) - Neuer alter Brauch kam bei der Kerb hervorragend an Dietzenbach (lad) — Heute, Dienstagabend, kurz nach 20 Uhr, wird die Kerbbobb vom bunten Kerbbaum vor der Licher Pilsstube in der […]

Foddos:

Was noch su wur:

Unsere Stadt (02.11.1978)

Quelle: Stadtpost Dietzenbach (2.11.1978)

 

UNSERE STADT

Der Kerbborsch (und gleich noch ein zweiter bei den Senioren) ist in Flammen aufgegangen. Die Kerb 78 ist tot. Es lebe die Kerb 79.

Die diesjährige war – endlich wieder – recht lebendig. Den Versuch, alte und schon halb vergessene Bräuche wieder zu erwecken, kann man wohl als einigermaßen gelungen bezeichnen. Als die Spielmannsjugend der SG durch Dietzenbachs Straßen am Sonntagmorgen die Kerbborschen vom Ildt-Club mit Musik begleitete, da kam nach langer Zeit wieder einmal so etwas wie Spaß an der Freude der Gemeinschaft auf, ein „Wir-Gefühl“, das uns sonst nicht gerade im Übermaß beschert wird. Aus den Häusern kamen die Leute und tanzten auf der Straße und der Schwung bordete bis in die Gaststätten, wo man so dicht auf dicht beieinander saß wie nur selten.
Und es waren so versichern die, die dabei waren, durchaus nicht nur „alte“ Dietzenbacher‚ wobei dieses „alt“ sich ebenso auf die Herkunft als aufs Alter beziehen mag, denn es hat sich gezeigt, daß gerade die Jugend mit Begeisterung dabei war.
Auch in den Neubaugebieten spielten die Einwohner mit. Es zeigte sich, daß der Wunsch nach der Gemütlichkeit „wie anno dazumal“ „Eingeborenen“ und „Zugezogenen“ gleichermaßen zu eigen ist. Die einen träumen von ihrem „friedlichen“ Dorf zwischen Wiesen und Wäldern, die anderen sind zumeist der Großstadt entlaufen, weil auch sie von einem Ort träumen, der Heimat werden könnte. Das friedliche Dorf kommt niemals wieder, aber — das ahnen wohl Junge und Alte, Altbürger und „Eingeplackte“ – auch die Stadt könnte Heimstatt für alle sein, wenn man sich ab und zu mehr Zeit für friedlichen und fröhlichen Zeitvertreib, für Gemütlichkeit und Geselligkeit nähme, für die liebenswürdige (nicht verbissene) Pflege alter Bräuche, für den Gang durch unsere wunderschönen Wälder, für den Plausch am Gartenzaun oder in der „kleinen Kneipe“ an der Ecke. ‘

In diesem Sinne: auf zur Kerb 79! lad

 

 

Diese Kerb: ein guter Neubeginn (02.11.1978)

Diese Kerb: ein guter Neubeginn

Als am Kerbmontag beim Frühschoppen in der „Linde“ kein einziges Plätzchen mehr zu finden war, als die Leute dennoch für jeden Neuankömmling noch ein bißchen dichter aufeinanderrückten, als der Arthur Fenn die Sänger vom „Sängerkranz“ zu immer neuen Liedern dirigierte, als der Jürgen Heyer vergnügliche Lieder zur Gitarre sang — da kam doch fast ganz richtige Kerbstimmung auf. Beim „Eckert“ in der Babenhäuser Straße hing der grüne Selleriekranz – wie es sich in Dietzenbach von eh und je gehört, nicht das „landfremde“ Fichtekränzi – am Haus, gewunden vom 83jährigen Heinrich Philipp Göckel, der das nun schon seit vielen Jahren tut: als die Kerbborschen noch durch die Straßen zogen, als diese alten Bräuche fast ausgestorben schienen und nun, wo auch die Dietzenbacher wieder zu entdecken scheinen wie hübsch der Väter alte Sitten doch waren.

Vier Jahre ist es nun her, da schrieb die Stadtpost zur Kerb, tröstlich, daß es doch noch einiges Vergnügliche – den Kerbplatz mit vielen Kindervergnügungen, Kerbtanz, fröhliche Runden in den Gaststätten – gebe, wenn auch leider die alten Kerbbräuche, wie sie Heinrich Berz so anschaulich beschrieben hat, wenig mehr übriggeblieben sei.

Das nun wollten einige Männer nicht auf Dietzenbach sitzen lasen‚ Willi Schreiber, Jakob Klößmann, Werner Dutine, Heinz Eberhard zogen vom „Treffpunkt“ aus in den Wald und holten einen Kerbbaum ein, die erste Kerbbopp wurde – auch das alter Brauch – gestohlen und so vergnügte man sich, ohne daß es der Bevölkerung allzu deutlich wurde, drei Jahre. „Wir waren ja nur Kerb-Opas“, meint Willi Schreiber heute mit leiser Selbstironie. Zum Abschied von ihrem Kerbborschendasein hatten sie sich im vergangenen Jahr etwas ganz Neues einfallen lassen:

Mit klingendem Spiel und lustig gewandet zog der SG-Fanfarenzug beim Wecken zur Kerb durch die Straßen. Die neue Form hat allseits viel Anklang gefunden. Foto: Latzke

eine „Kerblies“ wurde an den Baum gebunden, „die war so schön, daß in einer Dietzenbacher Wirtschaft der Wirt eine Ehrenrunde mit ihr drehte“.
In diesem Jahr nun ist der Sprung in die Offentlichkeit gelungen: in den jungen Männern des „Ildt-Clubs“‚ eines Geselligkeitsund Schoppenvereins, der für jeden Ulk und fröhliche Gemeinschaft gut ist, fanden sich jüngere Kerbburschen und der wiedergegründete SG-Fanfarenzug ließ den „Weckruf“ zur Kerb wiederaufleben.
Am Freitagnachmittag schon ging es los: aus dem Walde wurde der stattliche Kerbbaum geholt und vor der Licher Pilsstube, wo „Kerbvadder“ Horst Buch residiert, buntbebändert aufgestellt.
Der „Borsch“, mit Stroh ausgestopft, mit alten Kleidern angezogen, ein Friseurkopf ließ ihn direkt als „Schönling“ erscheinen, wurde auf seinem Stuhl hoch in die Luft gesetzt.
Am Abend kamen die Kerbborschen mit ihren Strohhüten zusammen, Rainer Wagner hatte die Kerbrede, die ihm der letzte „echte“ Kerbborschenjahrgang übergeben hatte, aktualisiert, das Ker-
b1ied‚ auch das noch von anno dazumal, wurde gesungen. Kerbvadder Buch stärkte die Mannen nach so viel Anstrengung mit einer kräftigen Erbsensuppe.
Der Kerbsamstag brachte fröhliches Treiben auf dem Kerbplatz und in den Gastwirtschaften, der Kerbsonntag schon am frühen Morgen den „Weckruf“. Mit einem Ständchen des Fanfarenzuges
beim Kiosk Braun, wo sich der Zug formiert hatte, ging es los, angeschlossen hatten sich auch die „Schoppen-Rangers“ aus der „Guten Quelle“ und der TT und FF-Club 77 der „Harmlosen“ aus der
„Linde“, die die Original-Kerbfahne von 1947 (von Franz Raab zwei Tage gut bewacht) mit sich führten, die jahrelang bei der „Eis-Dorthel“ treu aufbewahrt worden war.
Die Dietzenbacher, sonst doch eher ein ruhiger Menschenschlag, waren an diesem Kerbsonntagvormittag „außer Rand und Band“, wie es einer formulierte, der im Zuge mitzog. Sie kamen aus den Häusern und tanzten auf den Straßen und brachten Trinkbares an. Zu trinken gab es natürlich auch bei den einzelnen Stationen: Licher Pilsstube – Alt-Dietzenbach (wo Wirt Werkmann auf der Straße Tische aufgestellt hatte und viel Beifall damit fand) – Treppchen-Linde. „Das hab ich seit Jahren nicht mehr erlebt“, stellte Gärtner Gall gerührt fest und bewirtete die Kerbborschen spontan.
Ein Erlebnis, das die, die dabei waren, wohl nie vergessen werden, fand in der Wilhelm-Leuschner-Straße statt: Jakob Wolf, einst vor mehr als 25 Jahren Stabführer des damaligen  Spielmannszuges überreichte dem Stabführer des neuen SG-Spielmannszuges den Stab, den er die ganzen Jahre in Ehren gehalten hatte. Albert Meissner trat zurück ins letzte Glied und ließ Jakob Wolf noch einmal den Stab führen. Die „Kleine Garde“ klang auf. Der SG-Fanfarenzug wird, so verlautet – um die Kontinuität der Tradition zu wahren – dem verdienten Jakob Wolf zum „Ehrenstabführer“ ernennen.

Mitsamt Baggagewagen, von Philipp Keim und Schorsch Holzmann mitgeführt – konnte man denn bei diesem ersten Versuch ahnen, wie vorzüglich man unterwegs mit Speis und Trank versorgt werden würde? – kam man schließlich in der „Linde“ an. „Als wir die Linde zum Abschluß bestimmten“, meint Georg Ruchti, der Vorsitzende des Fanfarenzuges, „wußten wir noch nicht, daß unsere SG-Halle termingemäß fertig sein wird.“
Die Kerb 78 war rundherum ein Erfolg. „Auch die Stadt“, so Bürgermeister Dr. Keller „muß den Fanfarenzug und den Burschen vom Ildt-Club herzlich danken für ihre Initiativen zur Wiedererweckung alter Bräuche.“ Sie sind, so hatte es zumindest den Anschein, auf Interesse gestoßen. Nun kommt es, wenn dieser Schwung nicht verpuffen soll, darauf an, daß der „richtige“ Jahrgang im nächsten Jahr die Sache in die Hände nimmt.   lad

Quelle: Dietzenbacher Stadtpost 02.11.1978

Kerbborsche führten Regiment (31.10.1978)

Neuer alter Brauch kam bei der Kerb hervorragend an

Dietzenbach (lad) — Heute, Dienstagabend, kurz nach 20 Uhr, wird die Kerbbobb vom bunten Kerbbaum vor der Licher Pilsstube in der Frankfurter Straße heruntergeholt und feierlich verbrannt. Die Kerb 1978 ist damit beendet.

Sie brachte etwas ganz Neues oder vielmehr die Wiedererweckung eines uralten Brauches: Erstmalig übernahmen wieder „Kerbborschen“ das Regiment. Sie hatten am Freitagnachmittag den stattlichen Baum aus dem Wald geholt, bunt geschmückt mit Bändern und Luftballons und den „Borsch“ mit Stroh ausgestopft und alten Kleidungsstücken“ angezogen, bevor sie ihn auf einen Stuhl hoch am Baume postierten.
Für alle diese Mühen – und als Stärkung wohl für die noch vor ihnen liegenden Strapazen – servierte „Kerbvadder“ Horst Buch den Kerbborschen 78 eine kräftige Erbsensuppe. Rainer Wagner hielt die Kerbrede. Er hatte Kerbrede und Kerblied aus den Händen des letzten aktiven Kerbborschen-Jahrgangs‚ der 1947 die letzte „richtige“ Kerb feierte, erhalten und aktualisiert.
Unter dem Ansturm der „Moderne“ war in der Zwischenzeit der alte Brauch eingeschlafen gewesen, 1974 hatten einige Dietzenbacher – allen voran Willi Schreiber, Jakob Klößmann, Werner Dutine und vor allem auch der kürzlich so tragisch verunglückte Heinz Eberhardt – die Sitte wieder versucht aufleben lassen, doch ihnen, die sich selbst mit leiser Selbstironie als „Kerbopas“ bezeichnen, gelang es nicht, die alte Kerbburschenseligkeit wieder so richtig populär zu machen.

19781031_offenbachpost_1_001Der neue alte Brauch, die Kerb von Kerbborsche regieren zu lassen, kam hervorragend an. Beim neuen SG-Fanfarenzug, dem Ildt-Club und den Schoppe-Rangers fand man begeisterte Mitstreiter. Foto: Latzke

Der neuerliche Versuch stand dagegen von Anfang an unter gutem Vorzeichen: in dem noch jungen wiedergegründeten SG-Fanfarenzug fand sich ein aktiver Verbündeter. Die „Kerbborschen“ – alles Mitglieder des Ildt-Clubs, eines Geselligkeitsvereins und
„Schoppefußballer“, zumeist vom Jahrgang 55 — und die Spielmannsleute fanden sich am Sonntagmorgen zum ersten „Weckruf“ nach dreißig Jahren zusammen. Beim Zug durch die morgendlichen Straßen – von Gasthaus zu Gasthaus sich bewegend – machte die Bevölkerung spontan mit. „Das haben wir in Dietzenbach noch nicht erlebt“ war zu hören als gar auf der Straße gesungen und getanzt wurde.
Das beeindruckendste Erlebnis aber fand in der Wilhelm-Leuschner-Straße statt: Jakob Wolf, der letzte amtierende Stabführer des ehemaligen Spielmannszuges, überreichte spontan Albert Meissner, dem Stabsführer des neuen SG-Spielmannszuges‚ seinen Dirigentenstab‚ den er über 25 Jahre gehütet hatte. Der Bitte, noch einmal selbst in Aktion zu treten, kam Jakob Wolf nach und dirigierte unter großem Beifall „Die kleine Garde“.
Der SG-Fanfarenzug will auch im kommenden Jahr den Kerbborschen Hilfestellung leisten. Nach dem Erfolg dieses Jahres hofft man, daß nun im nächsten Jahr der „richtige“ Jahrgang sich als Kerbborschen zur Verfügung stellt.

Quelle: Offenbach Post 31.10.1978

Ein paar Burschen des „Ilt-Club“ sind entschlossen… (1977?)

Ein paar Burschen des „Ilt-Club“ sind entschlossen, die Dietzenbacher Kerb-Bräuche nicht sterben zu lassen. Da sich in diesem Jahr kein verantwortlicher Jahrgang gefunden hat – es gibt daher weder „Kerbborschen“ noch eine „Bob“ übernimmt der „Ilt-Club“ am Freitag, 28. Oktober, zwischen 16 und 17 Uhr das Aufstellen des traditionellen Kerbbaumes in der Frankfurter Straße 80 (vor der Gaststätte „Licher Pilsstuben“. Am Dienstag, 1. November, wird die Kerb am selben Platz „zu Grabe getragen“.

Quelle: unbekannt – vermutlich 1977

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